; du musst aber deine Zeit aushalten." Dieses war Stillingen auch nicht sehr zuwider. Des andern Morgens reiste er wieder nach Dorlingen. Allein seine Schüler kamen nicht wieder; das Frühjahr rückte heran, und ein jeder begab sich aufs Feld. Da er nun nichts zu tun hatte, so wies man ihm verächtliche Dienste an, so, dass ihm sein tägliches Brod recht sauer wurde.
Noch vor Ostern, ehe er abreiste, hatten Steifmanns Knechte beschlossen, ihn recht trunken zu machen, um so recht ihre Freude an ihm zu haben. Als sie des Sonntags aus der Kirche kamen, sagte einer zum andern: lasst uns ein wenig wärmen, ehe wir uns auf den Weg begeben, denn es war kalt, und sie hatten eine Stunde zu gehen. Nun war Stilling gewohnt, in Gesellschaft nach Haus zu gehen; er trat deswegen mit hinein, und setzte sich bei dem Ofen. Nun gings ans Brandteweintrinken, der mit einem Syrup versüsst war; der Schulmeister musste mit trinken; er merkte bald, wo das hinaus wollte, daher nahm er den Mund voll, spie ihn aber unvermerkt wieder aus, unter den Ofen ins Steinkohlengefäss. Die Knechte bekamen also zuerst einen Rausch, und nun merkten sie nicht mehr auf den Schulmeister, sondern sie betrunken sich selbsten aufs beste; unter diesen Umständen suchten sie endlich Ursache an Stilling, um ihn zu schlagen, und kaum entkam er aus ihren Händen. Er bezahlte seinen Anteil an der Zeche, und ging heimlich fort. Als er nach Haus kam, erzählte er Herrn Steifmann den Vorfall; allein der lachte darüber. Man sah ihm an, dass er den misslungenen Anschlag bedauerte. Die Knechte wurden nun vollends wütend, und suchten allerhand gelegenheit, ihm eins zu versetzen; allein Gott bewahrte ihn. Noch zwei Tage vor seiner Abreise traf ihn ein Baurensohn aus dem Dorf auf dem Feld; er war mit bei der Brandtweinszeche gewesen, dieser grif ihn am Kopf und runge mit ihm, ihn zur Erde zu werfen; es war aber zu gutem Glück ein alter Greis nahe dabei im Hof, dieser kam herzu, und fragte: was ihm der Schulmeister getan habe? Der Bursche antwortete: Er hat mir nichts getan, ich will ihm nur ein Paar um die Ohren geben. Der alte Bauer aber griff ihn, und sagte gegen Stilling: geh du nach Haus! und darauf gab er ihm einige derbe Maulschellen, und versetzte: nun geh du auch nach Haus, das hab ich nur so vor Spass getan.
Den zweiten Ostertag nahm Stilling seinen Abschied zu Dorlingen, und des Abends kam er wiederum bei seinen älteren zu Leindorf an.
Nun war er in so weit wiederum in seinem Element, er musste freilich wacker auf dem Handwerk arbeiten; allein, er wusste doch nun wieder gelegenheit, an Bücher zu kommen. Den ersten Sonntag ging er nach Zellberg und holte den Homer, und wo er sonst etwas wusste, das nach seinem Geschmack schön zu lesen war, das holte er herbei, so dass in kurzem das Brett über den Fenstern her, wo sonsten allerhand Geräte gestanden hatte, ganz voll Bücher stunde. Wilhelm war dessen so gewohnt, er sah es gern; allein, der Mutter waren sie zuweilen im Wege, so, dass sie fragte: Henrich, was willst du mit allen den Büchern machen? Er lase also des Sonntags, und während dem Essen; seine Mutter schüttelte dann oft den Kopf und sagte: das ist doch ein wunderlicher Junge! – Wilhelm lächelte dann so, auf Stillings Weise, und sagte: Gretchen, lass ihn halt machen! –
Nach einigen Wochen fing nun die schwerste Feldarbeit an. Wilhelm musste darin seinen Sohn auch brauchen, wenn er keinen Taglöhner an seine Stelle nehmen wollte, und damit würde die Mutter nicht zufrieden gewesen sein; allein, dieser Zeitpunkt war der Anfang von Stillings schwerem Leiden; er war zwar ordentlich gross und stark, aber von Jugend auf nicht dazu gewöhnt, und er hatte kein Glied an sich, das zu dergleichen Geschäften gemacht war. Sobald er anfieng zu haken oder zu mähen, so zogen sich alle seine Glieder an dem Werkzeug, als wenn sie hätten zerbrechen wollen; er meinte oft vor Müdigkeit und Schmerzen nieder zu sinken, aber da half alles nichts; Wilhelm fürchtete Verdruss im haus, und seine Frau glaubte immer, Henrich würde sich vor und nach daran gewöhnen. Diese Lebensart wurde ihm endlich unerträglich; er freute sich nunmehr, wenn er zuweilen an einem regnigten Tage am Handwerk sitzen, und seine zerknirschten Glieder erquicken konnte; er seufzte unter diesem Joch, ging oft allein, weinte die bitterste Tränen, und flehte zum himmlischen Vater um Erbarmung, und um Aenderung seines Zustandes.
Wilhelm litte heimlich mit ihm. Wenn er des Abends mit geschwollenen Händen voller Blasen nach Haus kam, und von Müdigkeit zitterte, so seufzte sein Vater, und beide sehnten sich mit Schmerzen wieder nach einem Schuldienst. Dieser fand sich auch endlich nach einem sehr schweren und mühseligen Sommer ein. Die Leindorfer, wo Wilhelm wohnte, beriefen ihn auf Michaelis 1756 zu ihrem Schulmeister. Stilling willigte in diesen Beruf mit Freuden; er war nun glückseelig, und trat mit seinem siebenzehnten Jahr dieses Amt wieder an. Er speiste bei seinen Bauern um die Reihe, vor und nach der Schule aber, musste er seinem Vater am Handwerk helfen. Auf diese Weise blieb ihm keine Zeit zum Studiren übrig, als nur,