Schulmeister verhielten, wie so viel Patagonier gegen einen Franzosen. Zehn bis zwölf Mädchen von eben dem Schrot und Korn kamen auch, und setzten sich hinter den Tisch. Stilling wusste nicht recht, was er mit diesem Volk anfangen sollte. Ihm war bang für so vielen wilden Gesichtern; doch versuchte er die gewöhnliche Schulmetode, und liess sie beten, singen, lesen und den Catechismus lernen.
Dieses ging ungefehr vierzehn Tage seinen ordentlichen gang; allein nun war es auch geschehen, ein oder anderer Cosaken-ähnlicher Junge versuchte es, den Schulmeister zu necken. Stilling brauchte den Stock rechtschaffen, aber mit so widrigem Erfolg, dass, wenn er sich müde auf dem starken Buckel zerdroschen hatte, der Schüler aus vollem Hals lachte, der Schulmeister aber weinte. Das war dann dem Herrn Steifmann so seine liebste Belustigung; wenn er in dem Schulstübchen Lerm hörte, so kam er, tat die Tür auf, und ergötzte sich von Herzen.
Dieses Verfahren gab Stillingen den letzten Stoss. Seine Schule wurde zum polnischen Reichstag, wo ein jeder tat, was ihn recht dauchte. So wie nun der arme Schulmeister in der Schule alles gebrannte Herzeleid ausstund, so hatte er auch ausser derselben keine frohe Stunde. Bücher fand er wenig, nur eine grosse Baseler Bibel, deren Holzschnitte er durch und durch wohl studirte, auch wohl darinnen lase, wiewohl er sie oft durch gelesen hatte. Zions Lehr und Wunder von Doctor Mel, nebst noch einigen alten Postillen und Gesangbüchern, stunden auf der Kleiderkammer auf einem Brett in guter Ruhe, und waren wohl, seitdem sie Herr Steifmann geerbt hatte, wenig gebraucht worden. In dem haus selbsten war ihm niemand hold, alle sahen ihn für einen einfältigen dummen Knaben an; denn ihre niederträchtige, ironisch-zotigte und zweideutige Reden verstund er nicht, er antwortete immer guterzig, wie er es meinte nach dem Sinn der Worte, suchte überhaupt einen jeden mit Liebe zu gewinnen, und dieses war eben der gerade Weg, eines jeden Schuhputzer zu werden.
Doch trug sich einsmalen etwas zu, das ihn leicht das Leben hätte kosten können, wenn ihn der gütige Vater der Menschen nicht sonderlich bewahrt hätte. Er musste sich des Morgens selbsten Feuer in den Ofen machen; als er nun einmal kein Holz fand, so wollte er sich etwas holen; nun war über der Küchen her eine Rauchkammer, wo man das Fleisch räucherte, und zugleich das Holz trocknete. Die Dreschtenne stiess an die Küche, und von dieser Tenne ging eine Treppe nach der Rauchkammer. Es waren just sechs Taglöhner am Dreschen. Henrich lief die Treppe hinauf, machte die Tür auf, aus welcher der Rauch, wie eine dicke Wolke, herauszog; er liess die Tür offen, tat einen Sprung nach dem Holz, griff etliche Stücke, indessen wirbelte einer von den Dreschern auswendig die Tür zu. Der arme Stilling geriet in Todesangst, der Rauch erstickte ihn, es war stockfinster da, er wurde irre, und wusste nicht mehr, wo die Tür war. In diesem erschrecklichen Zustand tat er einen Sprung gegen die Wand, und traf just gerade gegen die Tür, dergestalt, dass der Wirbel zerbrach, und die Tür aufsprung. Stilling stürzte die Treppe herunter bis auf die Tenne, wo er betäubt und sinnlos hingestreckt lag. Als er wieder zu sich selbst kam, sah er die Drescher nebst Herrn Steifmann um sich stehen, und aus vollem Halse lachen. Des sollte doch der T ... nicht lachen! sagte Steifmann. Dieses ging Stillingen durch die Seele. Ja! antwortete er, der lacht wirklich, dass er endlich einmal seines Gleichen gefunden hat. Das gefiel seinem Patron ausserordentlich, und er pflegte wohl zu sagen: das sei das erste und auch das letzte gescheute Wort gewesen, das er von seinem Schulmeister gehört habe.
Das Beste indessen bei der Sache war, dass Stilling keinen Schaden genommen hatte; er überliess sich gänzlich der Wehmut, weinte sich die Augen rot, und erlangte weiter nichts dadurch, als Spott. So traurig ging seine Zeit vorüber, und seine Wonne am Schulhalten wurde ihm hässlich versalzen.
Sein Vater Wilhelm Stilling war indessen zu Haus mit angenehmern Sachen beschäftiget. Die Wunde über Dortchens Tod war heil, er erinnerte sich allezeit mit Zärtlichkeit an sie; allein, er trauerte nicht mehr, sie war nun vierzehn Jahr tot, und seine strenge mystische denkart milderte sich in so weit, dass er jetzt mit allen Menschen Umgang pfloge, doch war alles mit freundlichem Ernst, Gottesfurcht und Rechtschaffenheit vermischt, so, dass er Vater Stilling ähnlicher wurde, als eins seiner Kinder. Er wünschte nun auch einmal Hausvater zu werden, eigenes Haus und Hof zu haben, und den Ackerbau neben seinem Handwerk zu treiben; deswegen suchte er sich jetzt eine Frau, die neben den nötigen Eigenschaften, Leibes und der Seelen, auch Haus und Güter hätte; er fand bald, was er suchte. Zu Leindorf, zwo Stunden von Tiefenbach westwärts, war eine witwe von acht und zwanzig Jahren, eine ansehnliche brave Frau; sie hatte zwei Kinder aus der ersten Ehe, wovon aber eins bald nach ihrer Hochzeit starb. Diese war recht froh, als sie Wilhelm begehrte, ob er gleich gebrechliche Füsse hatte. Die Heirat wurde geschlossen, der Hochzeitstag bestimmt, und Henrich bekam einen Brief nach Dorlingen, der in den wärmsten und zärtlichsten Ausdrücken, deren sich nur ein Vater gegen seinen Sohn bedienen kann, die ganze Sache