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ö n i g l i c h e s Gedächtniss. ICH. Ein gemeines, aber vortreffliches Beiwort. DER JÜNGERE HERR v. G. Es ist von meinem VaterAber was dein Vater vom Vergnügen und Schmerz anmerkteICH. Weiss ich auch. Er widerlegte sich selbst. Er glaubte, Vergnügen sei die Empfindung von Lebensbeförderung, und Schmerz Empfindung von Lebenshinderniss, und wenn es schon so weit gekommen wäre, dass man die Lebenshindernisse nicht überwinden und das Feld behalten könnte, meint' er, sei Vergnügen die Kunst, sich selbst von sich zu entfernen, die grosse Kunst, nicht an sich zu denken. DER JÜNGERE HERR v. G. Ich bin noch im Schreck, in der Vorbereitung, denn bis jetzt fass' ich's noch nicht. HERR v. G. Was meinen Sie, lieber Pastor! wenn wir nur negative w e i s e und g u t sind, ist es nicht schon viel, und sollte man nicht diesen Gedanken auszuüben suchen? PASTOR. Ich weiss nicht. Wissenschaften, die bloss Irrtümer widerlegen, sind, wenigstens was mich betrifft, unangenehm. Der Mensch ist von natur träge und negativ, durch Grundsätze wird er tätig. HERR v. G. auf den Herrn v. W. und Hermann zei

gend. Licht und Lichtknecht.

Alles lagerte sich auf einen Rasen, und war so still, dass man sah, was ich oft gesehen. Die natur behauptet ihre Rechte, sobald wir ruhig sind, sobald wir Zeit haben sie anzuhören, sobald wir uns auf's Gras, ihren Lehnstuhl, setzen. Alles verstummt und empfindet. Gott! warum fallen wir der natur so oft unzeitig in's Wort!

Für uns, den jungen Herrn v. G. und mich, war kein

Raum in diesem Naturaudienzzimmer. Herr v. G.

der Jüngere ging zur gnädigen Mutter, ich einen

grünen finstern gangwas ich hörte (ich konnte

nicht bemerkt werden) will ich aufschreiben.

FRAU v. W. Und das Geld? KLEINE. Verschenkt, gnädige Mutter. FRAU v. W. Wem? KLEINE. Einem bösen, bösen Jungen. FRAU v. W. Damit er gut würde? KLEINE. Ja, gnädige Mutter! damit er gut würde; er hatte dem lieben Gott einen Vogel weggestohlen, den bot er mir zum Kauf an. Der Vogel schrie zum lieben Gott (singen könnt' er nicht mehr) sehr ängstlich, und der Junge hielt ihn in der Hand, und wollt' ihn nicht gegen Himmel schreien lassen. Der liebe Gott schelten würde. Es bezog sich, wo er stand, als wären es Gewitterwolken. FRAU v. W. Und du? KLEINE. Ich gab dem Jungen das Geld und den Vogel gab ich dem lieben Gott wieder. Es wurde gleich so klar, wenigstens mir vor den Augen, ich bildete mir ein (sie sprang dabei), dass ich den lieben Gott sähe, wie er sich darüber freute. Der Junge mag es wohl aus Not getan haben. FRAU v. W. Das denke' ich auch. KLEINE zur Begleiterin. Desto besser, dass ich dem Jungen alles gab. EIN FRAUENZIMMER, DAS DIESE LIEBE KLEINE BEGLEITETE. Wir sind im Streit, Ew. Gnaden. Das fräulein gab ungezählt; so denke' ich, gibt man einem Bettler, allein keinem Dieb. KLEINE. Wer hat nun Recht? FRAU v. W. Du nicht völlig, meine liebe Seele! Ei, wenn gleich wieder so ein böser Junge mit des lieben Gottes Vögelchen gekommen wäre, und du hättest kein Geld gehabt? KLEINE. Dann wär' ich zu Ihnen gekommen, Gnädige! FRAU v. W. Und wenn ich auch kein Geld hätte? KLEINE. Ja, dann hätt' der liebe Gott den Vogel strafen wollen. Setzt man doch auch Menschen in's gefängnis. FRAU v. W. Mit Recht, aber auch mit Unrecht. – Man muss nicht für sich, sondern auch für andere sparen. Um mehr Gutes zu tun, kann man dingen. Gottes geschöpfwer kann das bezahlen? Hätte der Junge den Vogel nicht minder lassen wollen, wär's ein anders. – Was war's für ein Vogel? KLEINE. Ich habe nicht gefragt, Gnädige! Ich weiss nur, dass es ein Vogel war, und dass er fliegen konnte. Haben Sie's mich nicht gelehrt, man muss nicht nach dem Namen fragen, wenn man Gutes tut. Sie hätten nur sehen sollen, der Vogel konnte vor Freuden nicht recht fliegen! Er war betrunken, aber der Junge musst's mir versprechen, ihn nicht mehr zu haschen. FRAU v. W. Du hast gut hausgehalten. – Hier ist wieder Geld. KLEINE. Dank, gnädige Mama! Ich glaube' es war eine Nachtigall. DAS FRAUENZIMMER. Ich nicht. KLEINE. Sehen Sie nur, gnädige Mutter! Lieschen ist dem Vogel nicht gut. DAS FRAUENZIMMER. Seit der letzten Nachtigall im Garten ist ihr jeder Vogel eine Nachtigall. Ew. Gnaden waren so gnädig zu sagen, Mensch ist Mensch, aber Vogel ist nicht Vogel. KLEINE. Wie sie den Vogel verfolgt! da hören Sie selbst, gnädige Mutter! FRAU v. W. Kind, du hast eine Seele. KLEINE. Die Ihrige, liebe Mutter! FRAU v. W.