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Gewehr, dann Bücher. – Leib und Seel', sagt alle Welt, und nicht Seel' und Leib. ICH. Beim Edelmann Leib und Seele, beim Literatus Seel' und Leib, wenn es gleich wider den Redegebrauch ist. HERR v. G. Je reiner und dünner die Luft, hab' ich wo gelesen, je feiner die Köpfe. PASTOR. Mich dünkt, zu schönen Künsten; zur Philosophie ist rauhe Witterung die beste. Man ist an Schwierigkeiten und an Unerschrockenheit und Stärke, sie zu überwinden, gewohnt, und Schönheit gehört unter einen sich immer gleichen Himmel; man zieht nicht das Gesicht vor Kält' und Wärme; man kämpft nicht mit seinen Gesichtsmuskeln. Frauenzimmer, die in Einer Luft bleiben, haben eine schöne Haut. – Mustern Sie in Curland gemeiner Leute Köpfe, werden Sie wohl einen Bauernkopf finden, der in ein historisches Gemälde passe? Ich kenn' ein Volk, wo ich alle Götter und Göttinnen des Altertums in kurzem zu finden wetten will. Haben Ew. Hochwohlgeboren in Curland auch nur einen Venuszug gesehen? Eben so wenig ist ein Altarstück, ein Marienzug zu haben. Was ich in Curland von Schönheit bemerkt, schränkt sich auf den Wuchs ein. Schönheiten für Bildhauer, allein für Maler nicht. HERR v. G. Wenn alles bei kleinen Leuten proportionirlich ist, kann man ihnen den Ehrennamen s c h ö n nicht absprechen. PASTOR. Kein Zweifel, und so auch mit wohlproportionirten Erkenntnisskräftenund die Anwendung? –

Sie bogen sich so, dass ich keine Sylbe haschen

konnte.

HERR v. G. Ich will nicht vorurteilen; aber dass die Leute im demokratischen staat klüger sind als im monarchischen, Pastor, das müssen Sie zugeben. PASTOR. Gernweil sie an der Regierung teilnehmen, weil sie mitsprechen. In England gibt es einen sehr klugen gemeinen Mann, und das machen die Zeitungen. Diess Staatsmittel könnt' auch im monarchischen staat probirt werden. HERR v. G. Im monarchischen staat gibt's keine Zeitungen. – Wenn die Regierung Zeitungen schreiben lässt, sind es Seifenblasen, womit die Kinder in der Sonne stehen.

Sie blieben eine Weile auf einer Stelle.

ICH. Bibel und Gesangbuch nimmst du doch mit? DER JÜNGERE HERR v. G. Ja, die Bibel hab' ich vom Vater, das Gesangbuch von der gnädigen Mutter. ICH. Warum gnädige? DER JÜNGERE HERR v. G. Es ist mir zur andern natur. Meine Mutter wollte durchaus gnädig heissen. ICH. An gnädig erkenn' ich sie. Eine gnädige Mutter, Bruder, ist ein Unding. Bei Bibel und Gesangbuch sehe' ich deinen Vater. Bibel und Gesangbuch muss man sich nicht kaufen, sondern von den Eltern haben, und eben so wie du, so auch ich, Bibel vom Vater, und Gesangbuch von der Mutter. DER JÜNGERE HERR v. G. Dein Vater und der meinigeICH. Sind wie Herz und Seele gegen einander. DER JÜNGERE HERR v. G. Dem Vater Seele, der meinige Herz. Nicht wahr? ICH. Beide Seel' und Herz. DER JÜNGERE HERR v. G. Dieser mehr Herz, jener mehr Seele. ICH. Sie waren vieljährige Freunde; sie schieden sich, wie mein Vater sagt, von T i s c h und B e t t , allein ihre Herzen blieben gebunden. DER JÜNGERE HERR v. G. Wir wollen uns nie von Tisch und Bett scheiden. Kommen wir von Universitäten, wirst du mein Pastor, und dann wollen wir leben wie auf der Universitätdu studiren! ich jagen. HERR v. W. Es ist ein Cavalier. HERMANN. Das ist die Sache. HERR v. W. Und mein Schwager. HERMANN. Das ist die Hauptsache. HERR v. W. Es scheint unhöflich. Doch wie der Ast, so der Hieb. Man muss sich über den Herrn v. G. wegsetzen. HERMANN. Kriechend zu mir? HERR v. W. Ich hätte Worte mit Hänkelchen? Traget die Groben, weil ihr höflich seid. Es sind, unter uns gesagt, manche Ausdrücke in der Bibel, die nicht auf unserer Seite sind. DER JÜNGERE HERR v. G. Wenn ich das Wort Schreck höre, empfinde ich es. Was wollte dein Vater gestern Abend damit sagen, dass der Schreck der Anfang zu allen Leidenschaften sei? ICH. Schreck, sagt' er, ist die Vorbereitung, das Präludium zu allen heftigen Affekten, und das ist wahr. Hast du dich je recht sehr über eine Sache erfreut, ohne dass du vorher erschüttert warst? Alle heftigen Leidenschaften sind wie ein kaltes Fieber, Frost, Kälte, dann Hitze. DER JÜNGERE HERR v. G. Du hast es besser behalten wie ich. ICH. Er führte Beispiele an, dass Leute vor Freuden gestorben wären, und dass kein grosses los in der Lotterie, ohne den Gewinner auf eine kleine Zeit zurückzusetzen, von jeher gewonnen sei. Der Mensch, sagt' er, traut sich nicht recht die Freude in dieser Welt zu. Er besinnt sich erst, ob er ihr sein Herz öffnen, ob er sich freuen könne. Er lässt sie von hinten und verstohlen ein. Seine Freude scheint eine Entfernung des Schmerzes, und wer lässt einen alten guten Freund ohne Bewegung von sich? DER JÜNGERE HERR v. G. Du hast ein k