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wegen seines Sterbetages s i e b e n und zwanzig. Dieser Zweifel hat, wie mich dünkt, einen Druckfehler, eine Schwachheitssünde zum grund. Wer kann wissen, muss jeder, der ein Buch schreibt, bekennen, wie oft er fehle."

Da hast du ganz recht, liebe Mutter; und ich, der ich zweihundert Meilen vom Druckorte entfernt bin, setze bei dieser gelegenheit mit einer Verbeugung an alle Recensenten hinzu: Verzeihet die verborgenen Fehler. (Meine Mutter fährt fort:)

"Gott weiss, wie die Worte in der Ausgabe des Herrn F e i s t k i n g lauten. Es ist diese Ausgabe für mich ein Licht unter einem Scheffel. Das Manuscript hat Herr J o h a n n H e i n r i c h F e i s t k i n g vom Herrn Magister P a u l F r i e d r i c h G e r h a r d erhalten."

Meine Mutter bedauerte, dass sie nicht selbst der Herr J o h a n n H e i n r i c h F e i s t k i n g bei dieser gelegenheit gewesen, und wär's auch nur, setzte sie hinzu, der grünen, roten und blauen Grenzzeichen und Fähnchen halber. Die Autorzeichen brachten sie auf die Tintarten, welche sie alle so wie eine Mehl- und Milchspeise oder Grütze anrichten zu können vorgab. Mein seliger Grossvater, sagte sie, konnte ohne alle diese Tinten kein Concept zur Predigt vollenden. Mein seliger Vater brauchte nur die rote, und jetzt bin ich bis auf die schwarze, und auch die (mein Vater war die ganze Zeit abwesend) wird wenig gebraucht, ausser Uebung.

Der holdselige Mann, P a u l G e r h a r d , hat das Feistking'sche Exemplar mit allem Fleiss revidirt. Sein letzter Federstrich war in dieses Buch, und eben schrieb ein Erzengel

seinen Namen auf's beste

in's Buch des Lebens ein.

Ich habe die Vorrede des Herrn F e i s t k i n g nicht

gefunden; indessen gehört es eben nicht zum S t e r n und K e r n dieser Vorrede, dass Paul Gerhard daselbst mit dem Dr. Martin Luter proclamirt und gepaart worden, und dass man sogar (unter uns gesagt) den Wunsch äussert, dass Gerhard dem Dr. Martin Luter beim Reformationswerk geholfen hätte. Ich tue Einspruch, Herr Feistking, nicht des Buchstabens C, sondern des auserwählten Rüstzeugs Dr. Luters wegen, der auch wusste, was Sang und Klang war. – – Hier eine Lobrede auf L u t h e r n , der darum, wie meine Mutter sagte, zu E i s l e b e n g e b o r e n , weil ihn Gott das E i s zu brechen e r k o r e n . Wir! wir! (sie sang diese Worte in der Melodie: w i r g l a u b e n a l l ' a n e i n e n G o t t ) wir, – setzte sie ohne Sang fort, – die wir aus Bescheidenheit den Zunamen Luteraner angenommen, sollten mit dem Vornamen R e f o r m a t o r e n heissen; gewisse andere Leute aber, die nicht paulisch oder kephisch sein wollen, können beim Namen R e f o r m i r t e bleiben. Nach dem Luter (mein Vater kommt) muss ich gestehen, keinen bessern Liederdichter als G e r h a r d e n zu kennen. Er und R i s t und D a c h sind ein K l e e b l a t t , das auserwählte Rüstzeug Luter aber die W u r z e l . Gerhard dichtete während dem Kirchengeläute, könnte man sagen. Ein gewisser Druck, eine gewisse Beklommenheit, eine Engbrüstigkeit war ihm eigen. Er war e i n G a s t a u f E r d e n , und überall in seinen hundert und zwanzig Liedernich wünschte wohl, es wären ein hundert und s i e b e n z i g wegen der s i e b e n – ist Sonnenwende gesäet. Diese Blume drehet sich beständig nach der Sonne und Gerhard nach der s e l i g e n E w i g k e i t . Schwermütig

Recht, sagte mein Vater; allein weisst du auch warum?

"Warum?" meine Mutter, "weil er nach dem vorgesteckten Kleinod blickte."

Weil er ein böses Weib hatte. – Sobald ihn Gott von dieser bösen S i e b e n erlöste, war keine Sonnenwende mehr in seinem poetischen Gärtchen. Er sang; allein es sang kein Gerhard mehr. Was die Xantippe dem Sokrates war

Dieser Blitz traf das Wort auf der Zunge meiner Mutter; es bebte noch eine Minute auf der bläulichen Oberlippe, allein es war so matt, dass es in der Geburt seinen Geist aufgab. Meine Mutter, die sich ihres Geschlechts überhaupt anzunehmen gewohnt war, musste von meinem unlevitischen, unpoetischen Vater, der zum zweiten Diskant nur par bricole gekommen war, erfahren, dass er die Asche einer Oberpastorin enteiligte und ein Sacrilegium beging. Das war mehr als sie tragen konnte! – Sie verstummte vor ihrem S c h e r e r , und nach einer guten