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alles wie von ungefähr kommen. ICH. Alles ex tempore und pro tempore aus dem Ermel. Es blitzt, ohne bass man vorher Wolken sieht. HERR v. G. Wenn ich vier Köche und Jungens ohne Zahl mit weissen Schürzen herumlaufen sehe, ehe die Flügeltüren zur Tafel geöffnet werden, sag' ich schon vor Tische: p r o s i t . Mir schmeckt es nicht. Auf Hochzeiten ess' ich am wenigsten; ich könnt' immer Medicin einnehmen, eh' ich zur Hochzeit führe. Ich denke', Herr Pastor! Witz und Vergnügen ist wie Vater und Sohn, und Vergnügen, wenn's gleich noch so viel kostet, muss so aussehen, als wenn es Geschenk wäre. VATER. Jeder Einfall hat die natur, dass er uns in der Erwartung betrügt; im gemeinen Leben gehört ein Gesicht dazu, Einfälle zu sagen. Es gibt Witz, der im Anfang nicht ausfällt, allein in der Folge wird man überrascht, und das ist der regelmässigste, der beste. Er gefällt im Nachgeschmack; wir wussten nicht, wohin man uns führte; allein auf einmal ein schöner Platz. – Mancher Witz kommt von vorn, mancher von hinten, dieser ist englisch, jener französisch. – Wie die Seidenzeuge in England und Frankreich, so auch englischer und französischer Witz. – Der Engländer hat B a ss - , der Franzose D i s k a n t s a i t e n . Aus e i n e m englischen Gedanken macht der Franzos ein halb Dutzend. HERR v. G. Und der deutsche Witz? VATER. Noch ist nicht viel von ihm zu sagen. Er soll aber, w e n n u n s G o t t l e b e n u n d g e s u n d l ä ss t , die Tenorstimme haben, halb französisch, halb englisch. Witz müsste des Deutschen Erholungsstunde werden; Gründlichkeit, Ordnung, sein eigentliches Kopfwerk. Zwischen Einfall und Einsicht ist ein so grosser Unterschied, als zwischen nachtun und nachmachen, zwischen Form und Materie, zwischen Ursache und Folgen. Ein Geniestösst mich fort, ein Philosoph leitet mich. Unsere Kinder werden sehen und hören, was wir in Deutschland noch nicht sahen, noch nicht hörten. ICH. Der liebe Gott verleih' uns auge' und Ohr an Leib und Seele. HERR v. G. Und bescher' uns auch was zu hören und zu sehen, mit Leib und Seele. VATER. Wüsst' ich, dass meine Erwartungen mich nicht trügen, ich würde wie Simeon sagen: Herr, nun lassest du deinen Diener in Frieden fahren! HERR v. G. Ich auch, obgleich ich eigentlich kein Diener Gottes, sondern des lieben Gottes Fröhner bin. – Wissen Sie, Pastor, was ich mir für Begriffe von Verstand mache? Vernunft ist major, Verstand ist minor, bei der Conclusio gehen Verstand und Vernunft paarweise. VATER. Ich habe nichts dawider. Verstand urteilt, Vernunft schliesst. Vernunft ist Urteil a priori, Verstand a posteriori. ICH. Auf die Art ist Vernunft grob Geld, Verstand klein Geld. HERR v. G. Was ist das aber für ein Ding, wodurch man heilige und unheilige Scribenten auslegt? – kann man's Witz nennen? VATER. Witz, Herr v. –, allerdings Witz; allein Witz den man im Schlafrock sitzend, ein Knie übers andere gelegt, haben muss. – Eine Federmütze kann nichts dabei verderben. Witz, bei dem man so langsam geht, als wenn man einer Leiche folgt, und in Wahrheit folgt man einer Leiche. HERR v. G. Lassen Sie uns aufräumen, Pastor, Sie sind ein Mann, der zum Menschen menschlich redet. Viele der Herren Philosophen haben da erst so einen Wörterkram, dass mir der Kopf darüber bricht, und was sollt' ich mir den Kopf über Worte brechen! über Sachen mit Freuden. Man muss erst drei Jahre schweigen, ehe man ein Wort mitreden kann. Sie sind immer bis an die Zähne verschanzt. Sie sind die Priester, die lateinisch zu Werke gehen. Wir armen Leute wissen nur Amen und Gospodipomila. Sollte denn nicht alles, was gelehrt ausgedrückt wird, auch in der gemeinen Sprache Raum haben? Es kommt nur, dünkt mich, darauf an, dass die Herren Philosophen sich den Kopf zerbrechen, anstatt dass sie ihn uns brechen lassen. Was ich sagen wollte, betrifft ein paar Worte: Naiv und Laune, meine Frau und mich. Sie braucht das Wort Naiv, ich Laune; allein was beides eigentlich sagen will, wissen wir, hol' mich derbeide nicht; ob wir es gleich gewiss so wissen, wie man das meiste weiss. So viel aber glaube' ich, dass man nur von einer Frau sagen kann, sie wäre naiv: von unser einem aber, wir hätten Laune. VATER. Um Sie beim Wort zu halten, wenn man etwas Philosophisches, etwas Richtiges in der gemeinen Sprache sagt, ist man, dünkt mich, naiv. In Einfalt richtig denken und tun, heisst naiv sein. Philosophie ohne Kunstwörter würde ich eine naive Philosophie nennen. Launig ist man, wenn man, ohne auf sich Acht zu haben, oder wenigstens diese Achtsamkeit merken zu lassen, spricht und handelt. Man kann auch durch seinen Anzug, durch die Farbe im Kleid Laune verraten. Man könnte