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diese aber oft zu schwach ist, oder weil sie mit einem blick zehn Aehnlichkeiten finden, vergessen sie alles; das Bewusstsein, fassen zu können was man will, tut bei einem Genie oft grössere Dinge, als wenn's schon ein gerüttelt, geschüttelt und überflüssiges Mass im kopf hätte. Ich habe noch keinen Dichter gekannt, der nicht schnell gefasst hätte, was er gelesen. Beim mündlichen Vortrage gelingts nicht allen. Prosa behalten sie leichter als Verse. Bei andern Leuten ist es umgekehrt. Man würde behaupten können, ein Original müsste wenig Gedächtniss haben, wenn es nicht Leute gäbe, die im Vergessen eben so stark als im Fassen sind. Fassen und Behalten wird im gemeinen Leben für eins genommen, allein ganz unrichtig. Ein jeder Originalkopf muss schnell fassen und schnell vergessen. Etwas bleibt zurück, und nur eben so viel, als nötig ist, um nicht bloss Abschreiber (Copist) zu sein. Ein Grossmaul hat ein behaltendes, ein Kopf ein fassendes Gedächtniss. Wer viel plaudert, kann auch viel behalten; ein guter Kopf kann nur viel erzählen, wenn er trunken oder verliebt ist; er darf sich indessen beides nur einbilden zu sein. Wenn ein Poet nicht gut fasst, kommts oft daher, weil er sehen und hören kann und zwar mit Augen und Ohren des Genies, und auch dieser Umstand trägt sein teil bei, dass er so leicht vergisst. Er kann nichts lesen und hören, was er nicht sogleich mit dem Seinigen bereichert. Er verzinset oft einen Gedanken mit fünfzig Procent, oft mit mehr. Er weiss beständig viel, nur nicht immer was andere wissen. Wer Jahreszahlen und Geschlechtsregister behalten kann, ist kein Dichter.

Lieber Vater, hier macht die liebe Mutter eine Ausnahme. Anlage zur Hauspoesie ist ihr nicht abzusprechen, und wer ihr ein gutes, massives Gedächtniss zugestehen wollte, dem vergässe sie diese Beschuldigung selbst im Himmel nicht, und wenn es auch nur bloss darum wäre, um ihr Gedächtniss zu beweisen. – Was sie behält, ist eisern. Meine Mutter wusste nicht nur alle mögliche Lieder aus- und inwendig, sondern besass auch eine so genaue Lebensbeschreibung von vielen Liederdichtern, dass sie beinahe den Schöpfungstag von jeder Strophe wusste. Es war ihr von vielen Jahr und Tag bekannt, und was das allermeiste war, sie konnte sagen, was jede ihrer Herzensstrophen bei diesem oder jenem für eine Wunderkur gemacht hatte.

Mein Vater, der von dergleichen Dingen nicht das mindeste wusste, hörte ihr (ohne Zweifel von dem Zeitpunkte, da er den zweiten Diskant zu singen anfing) andächtig zu, und schien an ihrer Zufriedenheit über dieses geneigte Gehör teilzunehmen.

Die singende christliche Hausgemeine war noch an den Worten:

Und was mich kränkt, das wende

Durch deinen Arm und Kraft,

und frisch fing meine Mutter an, als wenn sie festen Fuss fassen und occupiren wollte:

"v o n P a u l G e r h a r d ."

War mein Vater nicht unter ihren Zuhörern, pflegte die Leichenpredigt länger und erbaulicher zu sein, und beständig fand sie alsdann auf ihrem Wege Umlie begegnet waren, eine Aehnlichkeit hatten. Reiste mein Vater mit, war der Weg wie auf der Diele, und nie sprach sie bei einem Anverwandten auf der Landstrasse an, es wäre denn zuweilen bei ihrem sel'gegen Herrn Vater oder Grossvater, um ihnen aus Kindespflicht die hände zu küssen.

Paul Gerhard hatte Berlin wegen des Streits der Luteraner mit den Reformirten verlassen, nachdem er aus Lüben (denkt an Liebau, sagte sie, wenn euch der Name zu schwer fällt) nach Berlin gekommen, und ihr seliger Herr Vetter war, um allen allerlei zu werden, vom Landpastorat nach Mitau als Stadtpastor gegangen und hat in Mitau ein Bein gebrochen. Doch warum nicht sie selbst? Damit meinen Lesern die Zeit nicht zu lang werde, soll mein Vater a b - und z u gehen.

"Es ist ganz besonders, dass Herr Paul Gerhardsein Sohn, Paul Friedrich Gerhard, war Magister; auch gut! allein, so viel ich weiss, kein Liederdichter. Schade!) Es ist ganz besonders, sag' ich, dass Herr Paul Gerhard, welcher als Ober- oder Primarpastor 1676 den siebenzehnten, und nicht den siebenundzwanzigsten Mai, im siebenzigsten Jahre seines reifen Alters unter die himmlischen Sänger aufgenommen ward, kein Lied gemacht hat, das mit C anfängt, obgleich wir sonst viele vortreffliche Lieder haben, die mit diesem Buchstaben anheben. Ich lass jeden Buchstaben in seiner Ehr' und Würde, allein unter den Consonanten ist C mein Liebling. Hat dein Vater je sich des Unterdrückten, des Notleidenden (sie wandte sich zu mir) angenommen, so war's, indem er behauptete, der Buchstabe C sei so gut deutscher Bürger im ABC als irgend einer, und indem er den Candidatenohne C widerlegte. Da die Letten ohne C sind, so könnte man den Herrn Oberpastor Paul Gerhard einen curischen, einen lettischen Sänger nennen, wenn er anders damit zufrieden wäre, woran ich zweifle. Wer Gerhards Lebensgeschichte mit leichter Mühe und ohne Kopfschmerz zu behalten Lust hat, merke sich vier Sieben."

"Im Jahre sechzehn hundert sechs und s i e b e n z i g , den s i e b e n z e h n t e n Mai, im s i e b e n z i g s t e n Jahre, und in Hinsicht des Zweifels