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Werken (wiewohl alles in Ehren, und wie es ein paar so klugen und so rechtschaffenen Leuten ansteht) gepfändet hatten, war der Empfang sehr freundschaftlich. – Wo bleiben Sie so lang, lieber Herr Pastor? ich hab' schon zehn Jahre auf Sie gewartet, sagte der Herr v. G – und mein Vater wie aus der Pistole: eben so lange, einen halben Tag, den ich zur Reise nötig hatte, abgerechnet, habe ich Ew. Hochwohlgeboren Briefe entgegengesehen. Hier eine Umarmung, und von der Frau v. G – ein tiefer Knix, vom jungen Herrn ein russischer, und von seinem Hofmeister ein französischer Bücklingund zwar so durcheinander, dass niemand wusste, wem eigentlich die Verbeugung oder der Scharrfuss gelten sollte. Nach diesem Zeichen der Wiedergeburt einer seit zehn Jahren verfallenen Freundschaft hätte man glauben sollen, es wäre zwischen Sr. Hochwohlgeboren und Sr. Wohlehrwürden alles berichtigt; allein es ging diesen beiden Leuten so wie Richtern, die sich zwar geeinigt haben, wer von beiden Kläger oder Beklagter, gewinnen oder verlieren soll? nachher aber über die Entscheidungsgründe, und die Gegengründe die Köpfe schütteln, und zuweilen an einander stossen, um ein Urteil zu formen. Alle Augenblick war ein Knoten, den keiner von beiden lösen konnte, den aber auch keiner von beiden so geradezu spalten wollte. Ich muss gestehen, dass ich nicht viel von dem beherzigt, was diese beiden streitführenden Mächte mit einander ausgefochten. Ich weiss kein Wort weiter, als dass wegen Hut und Trift kein Wort weiter vorfallen sollte, und dass eine Koppelweide brüderlich verabredet wurde. Man ging Hand in Hand zur Tafel. Der Vergleich war zugesäet, wurde mit einem ächten Glase Wein aus einem Schäuer begossen, und trug noch den nämlichen Abend tausendfältige Früchte. Morgen, denn heute sehe' ich alles über Bausch und Bogen, will ich meine Leser mit den Charakteren dieses hochwohlgebornen curischen Hauses und seiner Art bekannter machen, oder wie es mir eben einfällt, sie sich selbst bekannt machen lassen. Ich will versuchen, diesen Tag nachzuschreiben; wenn ich gleich nicht ein Verballexikon, einen Wörterkram, über das, was damals geredet ward, besitze, so habe ich doch ein sehr richtiges Reallexikon, und hier darf ich nur klopfen, und es wird aufgetan. Hausrat ist bald angeschafft, wenn man liegende Gründe hat. Wäre dieser Lebenslauf kein Lebenslauf, hätt' ich von der Kanzlei des Sir K a r l G r a n d i s o n einen Kanzlisten auf zwölf Stunden zum Anlehen erbeten; allein einem Lebensläufe schlägt er's ab. Wo hätte ich aber, wenn Sir G r a n d i s o n fiat wie gebeten gesagt hätte, wo hätte, ich dem Ehrenmann Ort und Stelle anweisen sollen? Im ganzen haus des Herrn v. G – war zur Ehre des Hauses keine s p a n i s c h e W a n d und keine V o r h ä n g e , als vor den Fenstern, auch die nur gegen Mittag. Die gespräche sind originalisirt. Wer's versteht, was ein Eid de credulitate ist, wird wissen, was ich sagen will, wenn ich behaupte nach bestem Wissen und Gewissen meine Leser behandelt zu haben.

Der Schauplatz

in unserm Schlafzimmer.

Dieses Zimmer ging gerade auf eine Wildniss, einen Hauptteil desGartens, wo sich ein Blumenbeet, welches wie ein verschönertes Wiesenstück aussah, an einer alten Eiche zu halten schien, um die kleines Gesträuch rings herum stand, als wenn's in die Schule ginge, und lernen wollte auch so gross zu werden. Es war alles wie Wiese und Wald, was man sehen konnte, und doch war's nicht Wiese und Wald. Die Blumen anders, und wenn sie gleich nicht in Reih' und Gliedern standen, waren sie doch in einer entzückenden unordentlichen Ordnung. Bäume hinderten das Auge nicht, den Wald zu sehen, und es fiel von oben ein reines wasser, wie ein starker Regen, und schlenkerte durchs Blumenstück, und aus ihm heraus, wie ein Betrunkener.

Personen.

Vater. Ich.

ICH. Guten Morgen, Vater. VATER. Dank, Alexander. Wie im Edelhofe geschlafen? ICH. Nicht wie im Pastorate. Blinde Kuh gespielt. Zugegriffen, nichts erhascht. Die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. – Gewollt und nicht gekonnt. VATER. Die erste Nacht am fremden Orte ist immer eine Brautnacht. Niemand schläft sie aus. ICH. Wie kommt das? VATER. Betten und Nester müssen nicht kalt werden. Ein neuer Bezug kostet mir zu haus zwei schlaflose Stunden, ein neues Bett andertalb Nächte. ICH. Ich habe den neuen Bezug mit einer halben Stunde bezahlt, vom neuen Bette weiss ich erst seit sechs Stunden mitzureden. VATER. Hätten wir keine Betten, würden wir nicht diesen Schlafzoll bezahlen. Es ist viel davon zu sagen. Wenn ja der Mensch nicht in sich selbst Wärme hätte, sollt' er nach Vorschrift der natur auf Haarbetten ruhen. ICH. Ich will's versuchen. VATER. Wenn's nur nicht zu spät ist. Deine Mutter trägt die Schuld, dass dein Blut Federn kennt. Mich freut's, dass du diese Nacht so wenig mit dem Schlaf g e z a n k t . – Wir haben beide getan, als schliefen wir. Wer sich mit dem Schlafe überwirft, zieht immer den kürzern. ICH. Aber