gebracht hatte, entwarf sie einen neuen Operationsplan, der ihr auch glücklich einschlug, nämlich diesen verdienstvollen Mann in der Speisekammer aufzuhängen. Hier, sagte sie, kann er sich ohne Rahmen behelfen und niemand wird zu ihm sagen: Freund! wie bist du hereinkommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?
Ich kann es nicht schicklicher anbringen, dass meine Mutter bei aller gelegenheit feierlich war. Es ward im Pastorat mit nichts anderm als mit Weihrauch geräuchert; alles, was meine Mutter vornahm, ward b e s u n g e n . Dieses ist der eigentliche Ausdruck. Die natur hatte sie mit einer sehr melodischen stimme ausgestattet. Das Bewusstsein dieser Mitgabe der natur war indessen nicht die Ursache ihres treufleissigen Gesangs. Meine Mutter wird die Ursache hievon gelegentlich selbst angeben. Sie fing, sobald ihr etwas zu Herzen ging, einen Vers eines geistlichen Liedes in bekannter Melodie aus freier Faust (um ihren E i n h o r n s c h e n Ausdruck nicht zu verfälschen) zu singen an, den a l l e s , was zu ihrem Departement gehörte, mit anzustimmen verbunden war. Sie sang mit Kind und Rind. Es war daher natürlich, dass jedes, so bei ihr in Diensten war, probe singen musste, weil ausser dem Hausdienst auch eine Art von Küsterstelle durch jedes Hausmädchen vergeben wurde. Vor diesem hatte meine Mutter, nach ihrer selbst eigenen Relation, die Gewohnheit gehabt, einen jeden herzlichen Vorfall mit einem ganzen lied zu bezeichnen; mein Vater indessen, der anfänglich bemüht gewesen, diese Gewohnheit völlig abzuschaffen, hatte sie doch am Ende nachlassen müssen. Sie ward aber von ihm bis auf einen Vers eingeschränkt, den meine Mutter nicht um die Herzogtümer Curland und Semgallen gelassen hätte.
Ich hab' es oft erfahren, dass mein Vater zuweilen den zweiten Diskant extemporirte und meiner Mutter zum mund sang, so dass er mitin von seiner vorigen Meinung a posteriori abgegangen war. Meine Mutter rechnete ihm diese Bekehrung im Conto sehr hoch an, und je lauter er mitgesungen hatte, je mehr wurde ihm zu gut geschrieben. Sie wusste sogar den Zeitpunkt anzugeben, wenn mein Vater, der, wie die Folge zeigen wird, keine Anlage zum Geistlichen besass, aufgehört hätte ein Liederstürmer zu sein, und diesen Zeitpunkt werden wir übermorgen (ich rechne nach mir und bitte meine Leser dessfalls um Verzeihung) erreichen. Meine Mutter wusste den Rückfall meines Vaters, den sie des zweiten Diskantes unerachtet noch immer befürchtete, so sehr zu verhindern, dass sie seine Lieblingslieder den ihrigen vorzog, obgleich sie es auch mit ihren Lieblingen nicht verdarb, unter denen einige waren, bei denen mein Vater unmöglich den andern Diskant singen konnte.
Das Lied: I c h b i n e i n G a s t a u f E r d e n , schien für meinen Vater gemacht zu sein, und fast ward kein Glas gebrochen, ohne dass meine Mutter nicht anstimmte:
Die Herberg' ist zu böse,
Der Trübsal ist zu viel;
Ach, komm mein Gott und löse
Mein Herz, wenn dein Herz will;
Komm, mach ein sel'ges Ende
Mit meiner Wanderschaft,
Und was mich kränkt, das wende
Durch deinen Arm und Kraft.
Ich wette, wenn meine Mutter mit diesem lied meinen Vater gleich zu Anfang bestochen hätte, sie Kaum hatte einer der zwei Streiter über die Namen von Curland, Lettland und Semgallen Abschied genommen, und gleich sang ihm meine Mutter nach:
Wo ich bisher gesessen,
Ist nicht mein rechtes Haus;
Wenn mein Ziel ausgemessen,
So tret' ich frei heraus.
Und was ich hier gebrauchet,
Das leg' ich alles ab;
Und wenn ich ausgehauchet,
So scharrt man mich ins Grab.
Gern, das weiss ich, hätte sie u n t e r d e r P r e d i g t : v o m V a t e r l a n d e , wie an hohen Festen diesen Vers angestimmt, wenn sie geglaubt hätte, meinem Vater hiemit einen Liebesdienst zu erweisen. Seine Singzeit indessen war noch nicht gekommen, und ausserdem hatte er den Grundsatz: die Andacht gehör' ins Kämmerlein. Der Gesang blieb also bloss unter den Hausgenossen.
Wer keine Einbildungskraft hat, sagte mein Vater, hat auch kein Gedächtniss. Ein grosses Gedächtniss kann die Urteilskraft schwächen, allein auch stärken. Wer sich durch hundert Meinungen, die er weiss, nicht stören lässt und noch eine für sich besitzt, hat viel Gedächtniss und viel Urteilskraft. Die besten Köpfe klagen am meisten über Gedächtniss. Sie sehen ein, wie len sich auf eine Art, die ihnen am wenigsten zu stehen kommt, bei Ehren erhalten. Ein Mann von starker Beurteilungskraft macht sich nur Merkzeichen durch die Vernunft, die Imagination ist bei ihm bloss Köchin. Was sollte ihn also zurückhalten, ohne rot zu werden, über schwaches Gedächtniss zu klagen? Manche, um auch für tiefe Denker gehalten zu werden, machen es nach, obgleich die guten Leute weit eher über schlechten Verstand klagen könnten.
Zum recht guten Gedächtniss gehört, etwas ins Gedächtniss fassen, behalten und sich wieder erinnern. Sieh bei der Sache auf ursache und wirkung, inoculire alles auf dein Lieblingsstudium, und es ist dir auch im spätesten Alter, als hättest du es vorm dreissigsten Jahre, bis zu welcher Zeit beim Menschen alles in der Blüte steht, gelernt. Witzige Leute haben schreckliche Gedächtnisse. Ueberall finden sie eine Aehnlichkeit – weil