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ihr auch nicht ger i c h t e t , eine Predigt gehalten hätte. In dieser Predigt, sagte meine Mutter, war so viel S a l z und S c h m a l z , dass alles wie Schnecken, wenn sich ein Blättchen rührt, die Hörner einzog. Sein blutübertragenes Herz bekam Luft, und er genas. Nach der Predigt ward das Lied: I n d i c h h a b ' i c h g e h o f f e t , H e r r , gesungen, welchem M. J a k o b Daniel Ernst in der historischen C o n f e c t t a f e l die rührende Befreiung des Herrn Andreas Steinberg, wohlverdienten Pfarrers zu Budin in Böhmen, zuschreibt, und wider welches ich kein Wort habe, ausser dass mir der dritte Vers zu kriegerisch vorkommt.

Mein Gott und Schirmer steh' mir bei,

Sei meine Burg, darin ich frei

Und ritterlich mag streiten.

(Sie sang die drei letzten Strophen, die sich

anfangen:)

Mir hat die Welt trüglich gericht't

Mit Lügen und mit falschem Gedicht

Viel Netz und heimlich Stricke; – –

Hätte es deinem lieben Vater gefallen, mich bei dieser Liederwahl zu Rate zu ziehen, so würden die Lieder einen ebenso allgemeinen Beifall gefunden haben, als die fanden welche ich bei deiner Predigt erkor. Jedes sprach von deines Vaters Predigt, niemand aber dachte an die Lieder, und doch gehört zur Seelenmahlzeit Essen und Trinken, P r e d i g t u n d G e s a n g . Geschehene Dinge waren nicht zu ändern. Ich konnte nichts mehr tun, als zu haus, um feurige Kohlen auf deines Vaters Haupt zu sammeln, einige treffendere Strophen singen. Ich sang:

(sie sang auch jetzt)

In dieser Welt erlangen?

Ich wäre längst schon tot und kalt,

Wo mich nicht Gott umfangen

Mit seinem Arm,

Der alles warm,

Gesund und fröhlich machet;

Was er nicht hält,

Das bricht und fällt,

Was er erfreut, das lachet.

Und gleich darauf stimmte sie an:

Er weiss viel tausend Weisen,

Zu retten aus der Not,

Er nähret und gibt speisen

Zur Zeit der Hungersnot;

Macht schöne, rote Wangen

Oft bei geringem Mahl,

Und die da sind gefangen,

Entreisst er dieser Qual.

Das Lied: m e i n D a n k o p f e r , H e r r ! i c h b r i n g e , ist wie auf diese Predigt gemacht.

Dich Lied sang indessen meine Mutter nicht, sondern empfahl es mir zum Nachlesen. Was es heisse, fuhr sie fort, e r p r e d i g t e g e w a l t i g l i c h , hab' ich in dieser Predigt gelernt. Dein Vater trieb seine Feinde zu Paaren, zu Einzeln trieb er sie, ihre Stätte war nicht mehr. Melchisedech und Kanapee waren nun wieder Melchisedech und Kanapee. Gott cherte mich hierbei mit Tränen, dass sie in der kritischen Zeit keinen Menschen aufs Kanapee zu nötigen das Herz gehabt, wie sie denn auch auf die Rechnung Melchisedechs schrieb, dass ich erst im dritten Jahre nach ihrer Verheiratung das Licht der Welt erblickt (in parentesi: ich war die erste und letzte Geburt).

Es werden nicht viele sein, welche die eheleibliche jüngste Jungfer Tochter des Herrn Pastor L –, die ein Komet in dieser geschichte ist, weiter interessirt, als dass sie ohne hitziges und hebräisches Sprachfieber abgekommen; indessen um alle Gerechtigkeit zu erfüllen, mag der geneigte Leser observiren, dass mein Vater ihretwegen auch nicht ein Wort b e i h e r fallen lassen. Es war auch in diesem Pastorat erschollen, dass mein Vater die Gabe der Entaltsamkeit nicht hätte, und diess bewog den Pastor L – und die Pastorin (ob die Töchter daran Anteil gehabt, wusste meine Mutter nicht), meinen Vater zum Gastmahl einzuladen. Er kam und begrüsste die jüngste Tochter des Pastor L – eher als ihre ältern Schwestern, und auf diesen Umstand gaben ihre Eltern die Einwilligung. Sie gefiel nach der Zeit dem – v. –, und da sich dieser mit seinen Lippen schon oft und viel zu ihr genaht, obschon sehen Herz fern von der heiligen Ehe war, geschah es, dass er sich einstmals noch mehr nähern wollte, und siegab ihm mit tugendhafter Hand eine O h r –. Die Sache ward ruchbar und machte in Curland grosses aufsehen. Einige von den alten Häusern votirten, dass der jüngsten L – die Hand abgehauen werden sollte; andere Häuser, wo eben die Söhne von Universitäten gekommen waren (denen vielleicht dergleichen Ohrfeigen nichts Ungewöhnliches waren), votirten, dass die Hand eines artigen Mädchens keinen Cavalier entehren könnte. Die Stimmen waren sehr geteilt. Die Sache indessen ward zum Vergleich ausgesetzt, und schloss, wie sich die Komödien alle schliessen, mit der Heirat. Der Herr v. – heiratete, o Wunder über Wunder! die jüngste Tochter des Pastor L –. So kann man auch zum Ehemanne und nicht bloss zum Ritter geschlagen werden! In Curl- konnte aber dieser Gräuel von Seiten des – v. – nicht von der Sonne beschienen werden. Der Pastor gab Geld und die Tochterder G e s c h l a g e n e nichts als Jaweil er nichts weiter hatte und ein