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Vater, und eine Mixtur von seiner eigenen Erfindung. Er war in der Medicin, so wie in Liebesangelegenheiten gleich stark und brauchbar. Sein Herr Sohn ist ihm in der letzten Kunst nie gleich gekommen. Der alte Doktor Saft hat Wunderkuren durch Heiraten getan.

Er verhiess es feierlich, deinen lieben Vater zurück an Ort und Stelle zu bringen. Ich sah zwar noch nicht, allein ich fühlte die Farben wie Blinde. – Wie viel hätte ich darum gegeben, wenn meine Mutter den Doktor Saft sogleich seine Strasse ziehen lassen.

(Ich will meine Mutter, ihrer Lunge und der Geduld meiner Leser halber, ablösen, und das in Kurzem sagen, was sie im Langen gab.) Allein meine Grossmutter und Doktor Saft gaben sich noch schwere fragen auf: vom Kleide Adams und von seinem Nabel, vom Apfel, den er gegessen, von der Gesichtsfarbe der Rahel, und über den Punkt, ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, obgleich meiner Mutter in ihrer Verfassung mit nichts weniger als schweren fragen gedient war.

Mein Vater kehrte um und erhielt Ja von Mutter und Tochter, ohne dass er sagen durfte, von wannen er käme. Wer am wenigsten damit zufrieden war, ist keine kritische Frage. Der Doktor Saft sagte, indem er fortging:

Wär' dieser Trost nicht kommen,

So hätt' es grosse Not.

Diese Spötterei hätt' ich ihm vergeben, versicherte meine Mutter, wenn sie bloss mich und nicht zugleich ein geistliches Lied betroffen hätte. Pastor L – war bitterböse, obgleich seine Tochter ohne hitziges Fieber davonkam und ihr Vater das Hebräische in der Fieberhitze nicht prostituiren durfte. Er hielt als Beichtvater die Traurede bei dem Myrtenfeste meines Vaters, wobei er die Vorzüge der ehelichen Geburt abhandelte. Hierbei fielen so viele Satyren auf Gelächter wurde. Eine gewisse Frau v. – warf den ersten Stein und nahm gelegenheit, in öffentlichen Gesellschaften zu behaupten, er sei, wie sie sich ausdrückte, vom K a n a p e e und nicht a u s dem E h e b e t t e . Sie schadete sich indessen mit diesem Steinwurf. Sie warf ihn so unglücklich, dass er auf ihr Gnaden zurückfiel.

Denn es kam bei dieser Stammgelegenheit aus, dass ihr Herr Vater seliger nicht wirklich Vater gewesen, sondern einer seiner Leute, den Hofmeister, Jäger, die Bedienten, Vorreiter ausgenommen, Vaterstelle vertretenund so ging's bei dieser gelegenheit sehr vielen, an deren ehelicher Abkunft vorher niemand gezweifelt hatte, in deren Augen, Nase, Mund und andern Gesichtsstellen man aber jetzt einen andern Vater lesen wollte.

Ein Ausdruck des Pastor L – war meinem Vater am gefährlichsten geworden: N a c h d e r W e i s e M e l c h i s e d e c h . Meine Mutter sagte ihn mir ins Ohr. Mein Kind, setzte sie hinzu, dieser Name hat mir tausend und abermal tausend Tränen gekostet, und unter uns gesagt, wär' es kein Vorbild, ich hätte gewünscht, es wär' an Melchisedech nicht in der heiligen Schrift gedacht. Mein Vater wusste, dass ihn die ganze Gegend mit diesem Beinamen bezeichnete, und das ging ihm so nahe, dass er, wie meine Mutter versicherte, darüber seines Lebens müde ward.

(Hier muss ich wieder meiner Mutter den Lauf lassen.)

Melchisedech war ein König zu Salem, sagte sie ganz leise und auf Zehen, ein Priester des Allerhöchsten, oder Herzog und Superintendent von Curland in einer person. Da dein Vater kein König ist, passt der Name von dieser Seite nicht, allein sonst passt viel: kein Mensch weiss, wo Melchisedech geboren, wer sein Vater gewesen, sein Geschlecht, sein Tod, alles geheim. – Als Abraham von der Verfolgung der vier vereinigten Könige, welche die Könige zu Sodom und Gomorra überwunden, und den Lot, seinen Vetter, mit sich als Kriegsgefangenen geführt, heim kam, ging ihm Se. Hochwürdigste Majestät Melchisedech bis ins Tal Sare entgegen (dieses Tal ward Königstal benannt), liess dem Abraham eine schöne Tafel decken und sprach folgenden Segen über ihn: Gesegnet seist du, Abraham, dem höchsten Gott, der Himmel und Erde besitzt, und gelobt sei Gott der Höchste, der deine Feinde in deine Hand beschlossen hat. Abraham gab dem Segnenden den Zehnten von allem, und mehr wissen wir von Melchisedechs geschichte nicht. Wohl aber spricht der Psalmist im einhundert und zehnten Psalm und dessen vierten Vers: "du bist ein Priester ewiglich, nach der Weise Melchisedech." Im Briefe an die Hebräer im fünften Kapitel und dessen sechsten und zehnten Vers, und im sechsten Kapitel und zwanzigsten, im siebenten und dessen ersten, zweiten und dritten Vers entwickelt sich dieses näher, welches du, wenn dein Vater nicht dabei ist, weiter nachlesen kannst.

Ich fand die Bemerkung meiner Mutter sehr be

währt, dass mein Vater weder öffentlich noch häuslich diesen Namen ausgesprochen. Die Nachrede vom Kanapee, welche die Frau Schwiegermutter ihrem Herrn Schwiegersohn getreulich, und oft wohl mit b i t t e r n S a l z e n , wie meine Mutter sagte, vorsetzte, hätten meinen Vater unfehlbar auf den Kirchhof gebracht, so dass sein Tod gewiss kein M e l c h i s e d e c h s T o d gewesen wäre, wenn er sich nicht plötzlich ermannt und über die Worte: R i c h t e t nicht, so werdet