Mutter irrte; es war ein Brief an meinen Vater, und einer an mich.
Auch gut, sagte meine Mutter, lass hören.
Der Brief an meinen Vater entielt eine Danksagung für alle Freundschaft. Das Herz redete darin. Dem wohlehrwürdigen Mann flossen Tränen die Wangen herab. Jede von diesen sanftabschleichenden Zähren verdiente in eine Perle verwandelt zu werden. Wenn er gestorben wäre, setzte mein Grossvater hinzu, würde' ich nicht weinen; ich habe noch nie über einen toten geweint, denn er ruhet in Gottes Hand; allein ich weine über ihn, weil er nicht tot ist.
Es ist ein sehr rührender Anblick, einen glücklichen Mann weinen zu sehen! – Ich glaube, wenn er je gewünscht, ein Kreuzträger anderer Art zu sein, so war es jetzt. An deine Grossmutter hatte dein Vater einen kostbaren Ring beigelegt, den er, wie er schrieb, für seine Braut bestimmt gehabt, und den er jetzt nicht besser, als auf diese Art anzuwenden wüsste. Mein Vater behauptete, dieses wäre das letzte Lebewohl; meine Mutter, es sei ein f r i s c h e r W u r m zum Hamen. Mein Vater und meine Mutter behaupteten jedes seine Meinung, und ich ärgerte mich übern Wurm, wie Jonas über den, der ihm den Kürbiss stach.
Würde er wohl, sagte meine Mutter mit entscheidendem Tone, solchen Ring beigelegt haben, wennn er nicht unter der Wildschur ein anderes Kleid hätte. – Ich weiss nicht, warum mir dieser Grund gleichfalls sehr wahrscheinlich auffiel; allein desto heftiger war mein Entsetzen, da ich vernahm, dass er den Pastor L – fleissig besuchte, und dass er die jüngste von seinen Töchtern, welche ein sehr lustiges und hübsches Mädchen war, heiraten würde. Diese Zeitung blitzte und traf; ich fiel, so lang ich war, zu Boden, und ward herzlich, jawohl herzlich krank. Die ganze Gegend wusste jetzt, dass dein Vater die Gabe der Entaltsamkeit nicht hatte, desto besorgter war ich; denn so unangenehm es wir war, dass dein Vater nicht hebräisch konnte, wovon leider! manches geredet ward, so sehr lieb war es mir dagegen, dass man ihm die seltene Gabe der Entaltsamkeit andichtete. Ich stand entsetzlich viel aus. Zu dem Gerüchte wegen der jüngsten Tochter des Pastors L – kam ein Traum, dessen ich mich jetzt erinnerte, und den ich, von der Stunde der Erinnerung an, Tag und Nacht in eins weg träumte. Die Nacht auf den Abend, da dein Vater die erste Mahlzeit bei uns aus allen Kräften tat, und da er zu seiner Entschuldigung behauptete, dass man im Winter besseren Appetit hätte als im Sommer, die Nacht auf diesen Abend träumte mir, dass die jüngst Tochter des Pastors L – mir Gift eingäbe, und da es wirkte, billigte ihr Vater dieses Verfahren, und wollte mir noch eine vergiftete Pille von derselben Art im Säftchen beibringen, um, wie er sich grossmütig ausdrückte, mich nicht lange quälen zu lassen; allein seine Tochter ward des Landes verwiesen, und er ward Präpositus – wie besonders doch ein Traum ist. – Er Präpositus! Sie des Landes verwiesen! Dass ich das Säftchen des Herrn Pastor L – verbat, weiss ich! allein ob ich von dem Gifte seiner Tochter gestorben, oder nicht! konnte' ich mich nicht besinnen. Ich hatte bis dahin keine andere als biblische, oder solche Träume gehabt, die in der heiligen Schrift vorkommen. Die sieben fetten und die sieben magern Kühe des Pharao zum Exempel, und die Sonne, Mond und Sterne des Josephs waren oft vorgefallen, und kein ehrliches Mädchen muss, ehe sie Braut wird, anders als b i b l i s c h t r ä u m e n . Dieser Gifttraum richtete mich völlig hin. Zwar erzählte dein lieber Vater eben diesen ersten Abend, dass er den Pastor L – und sein Haus kenne, und hätte sich freilich alles natürlich erklären lassen; indessen ist und bleibt dieser Traum immer was besonderes. Man sage von den Kometen, was man will, sie sind und bleiben doch Kometen. Mein Blut siedete auf. – Ich hört' es kochen, wie das wasser in einer Teemaschine, allein deine Grossmutter hörte nicht sieden, nicht kochen. Sie nahm die ganze Sache auf die leichte Schulter, bis sie zu ihrem Erstaunen sah, dass mir das Herz zu brechen anfing. Jetzt dachte sie auf eine Kur, und diese glaubte sie mit dem Ringe auszurichten, allein sie goss Oel ins Feuer. Ich lag in einer Ungewitterhitze. Es kam ihr vor, es hätte sie etwas abgekühlt, und nun glaubte meine Mutter, wäre es Zeit, die Medicin einzunehmen. Sie schenkte mir den Ring und ich musste ihn anlegen; allein sie goss Oel, siedend Oel zum Feuer. Bon dem Spitzchen, wo der Ring seinen Lauf angetreten, gings durch alle Adern – wellenschlagend! und ich schien ausser Hoffnung. Man nahm mir den Ring ab, allein das Feuer, das er angezündet hatte, wütete fort. Das Feuer ist ein schreckliches Element! In der Hitze wollte ich durchaus hebräisch lernen, und um mich zu beruhigen, musste dein seliger Grossvater mich darin unterrichten. Wenn ich zu mir selbst kam, seufzte ich nicht über meine Mutter, sondern über des Pastors L – jüngste Tochter. Der liebe Doktor Saft, dessen Sohn dir nächst Gott geholfen, half mir. Sein Recept war dein lieber