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zur Hand nehmt."

Meine Mutter mochte dieser Blutreinigung wegen gern das alte Gesinde behalten, und ich bin ihrer Meinung. – Es muss doch wo einschlagen, und ersticken würde' ich! ich! Kreuzträgerin! wenn ich mich nicht ausschelten könnte. – B a b b e wäre den andern Tag abgestellt, nachdem sie die königliche Frau Mutter gemacht hatte, wenn man mit neuem Gesinde so herumspringen könnte, als mit altem. – Ich weiss nicht, gegen das gemeinste Volk hab' ich, bis ich bekannt bin, rückhaltende achtung; ich glaube, das macht das Bild Gottes, das es trägt.

Das Gebet vor Tische, welches dreimal so lang war, als leider das unsrige ist, betete meine Mutter ungewöhnlich laut mit, und das war schon immer ein gutes Zeichen, denn wenn sie das ganze Haus beinahe in einander geworfen hatte, betete sie am lautesten und inbrünstigsten, als wenn sie hiemit den Himmel versöhnen wollte, und alsdann war es alles wie abgeschnitten. Dieser ihrer Gemütsruhe bediente sich mein Vater, deinem Vater eine Lobrede zu halten; sie gab kein Wort darauf.

Auf einmal fing sie von selbst an: Er liebt zu sehr, als dass er sie verlassen sollte, und man sehe sie, wer kann dreissig sein, ohne stehen zu bleiben und sie zu lieben (Gott hatte mich schön gebildet, wie es noch am Tage ist). Wie gerade sie sich hält, fuhr deine selige Grossmutter fort, welche feine Arten! Er wird sich besinnen und sagen, von wannen er kommt. Es ist ein sehr geschickter, feiner Mann. Man kann mit Wahrheit sagen, das Hebräische ausgenommen, dein Geist, lieber Mann, ruhe zwiefach auf ihm. Du Elias, er Elisa. Ich hatte diesen Gedanken gleich, da du ihm deinen alten Mantel verkauftest.

denke das nicht, mein Kind! sagte dein seliger Grossvater, der über den Namen Elias sich vergnügte, ich habe wenig Aussicht, denn er hätte gewiss, da er in die freie Luft kam, ein freundlich Wort fallen lassen; alleinmeine Mutter blieb, der freien Luft unbeschadet, bei ihrer Hoffnung, und tat unwillig, dass dein Grossvater mir nicht einen Vater gönnte, dem dieser Unwillen hinreichend war, auch Hoffnung zu fassen.

Das Gespräch wurde auf die hebräische Sprache gerichtet, von welcher dein lieber seliger Grossvater behauptete, dass sie eben nicht so nötig für einen Diener des göttlichen Worts an einer christliebenden Gemeinde sei, und dass er selbst nicht einen Punkt zu verborgen, sondern nur zur höchsten Noch hätte. Dieser letzte Umstand beruhigte meine Mutter, und mich machte er noch betrübter als ich schon war, denn das einzige was mich bei dem Vorfall, wenn dein Vater mich verlassen, getröstet hätte, war der Umstand, dass er nicht hebräisch konnte, und also nicht alle gesunde Gliedmassen als Geistlicher hätte.

Hier hielt meine Mutter an, und nachdem sie mich befragt, ob ich wozu Appetit hätte, und ich für alles gedankt, wandte sie sich nach dieser Vorbereitung ganz zärtlich zu mir, und bat mich dringend, dieser Umstände ungeachtet, alle nur mögliche sorge auf die hebräische Sprache zu verwenden, welches ich ihr auch feierlich versicherte. Es ist alle Vermutung, dass diess die Sprache der andern Welt ist, und dann darf ich meinen Sprachmeister nicht weit suchen. Ich war jetzt neugierig geworden, ihre Helden-, staates- und Liebesgeschichte zu Ende zu hören, und hatte nicht Ursache, hierum zu bitten.

Wir gingen ein jeglicher seinen Weg ins Bette; allein, welche Vigilien für mich! So wie das Bild der Sonne im Auge fortdauert, wenn man die Augen gleich zuschliesst, so sah ich auch, was ich, um zu schlafen, nicht sehen sollte. Eine arme Sündernacht war diese Nacht

In welcher Nacht ich lag so hart,

Mit Finsterniss umfangen;

Von all'n meinen Sünden geplaget ward,

Die ich mein Tag begangen.

Gottlob, dachte' ich, die Sonne! Allein sie war mir nicht zum Glück aufgegangen.

Noch muss ich dir bei dieser erwünschten gelegenheit vertrauen, dass eben dieser Zeitpunkt der war, da ich die geistlichen Lieder als das probatste Mittel, mein aufgewiegeltes Herz zu beruhigen, kennen lernte. B e f i e h l d u d e i n e W e g e – W a s Gott tut, das ist wohl getan – K e i n e n h a t G o t t v e r l a s s e n : das löschte meinen Durst bei meiner Angst. Wenn die Zunge an meinen Gaumen klebte, und ich zwischen der hebräischen Sprache, meiner Mutter und deinem Vater geteilt war, fing ich an zu singen. Fühlt' ich gleich nicht die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange:

Wenn ich ein Lied von Herzen sing,

So wird mein Herz recht guter Ding,

so ward ich doch gottergebener und weicher, und da mein ganzes übriges Leben zwischen Tür und Angel ist, und ich nie aus diesem Drang gekommensing' ich weiter, bis ich kommen werde zum hohen Halleluja vor dem Trone Gottes:

(Sie sang's)

Da, da,

Da ist Freude,

Da ist Weide,

Da ist Manna,

Halleluja! Hosianna!

Den andern Morgen ein Brief!

Ein Brief, sagte meine Mutter. – Hab' ich's nicht gesagt? Sie wog ihndas Geschlechtsregister liegt drin. – Meine