isst, wo man um diese Zeit eine Pfeife in der freien Luft raucht, wo man Trauben hat, den Wein bei seiner Quelle geniesst und (welches mich am meisten interessirte) lange Manschetten trägt.
So geheim mein Vater mit seinem vaterland und seiner Familie war, so freigebig war meine Mutter, so oft sie von ihrer Familie etwas zu erzählen gelegenheit hatte. Sie wusste sich sehr viel damit, dass sie, wie sie sagte, aus dem Stamme Levi wäre, und zählte fünf Priester- oder (damit die in Curland herrschende luterische Kirche kein Aergerniss nehme) PredigerAhnen von Vater- und vier von mütterlicher Seite. Einer ihrer Ahnherren war Superintendent, und zwei waren Präpositi gewesen. Sie rechnete sich, wiewohl von der Seitenlinie, zu den Verwandten des Superintendenten P a u l E i n h o r n , dessen Vater A l e x a n d e r E i n h o r n , der zweite curländische Superintendent gewesen war, und wenn sie an den Eifer dachte, mit welchem der Ehren P a u l E i n h o r n sich der Annehmung des gregorianischen Calenders widersetzte, so schien es, dass sie der nämliche Einhornsche Eifer beseelte. Es hat dieser würdige Eiferer sich die Calendermärtyrerkrone errungen, indem er im Jahr nach Christi Geburt 1655 Dominica XI. post Trinitatis auf der Kanzel mitten in einer Calenderpredigt blieb und sein ruhmvolles Leben mit den Worten: "verflucht sei der Calend" – sanft und selig endigte. Mein Vater schien beständig besorgt zu sein, es würde meine Mutter eine Märtyrerkrone in ihrem Bluträchereifer überraschen, wesshalb er sie bei der Hand zu nehmen und zu sagen pflegte: "fasse dich, mein Kind, die Sache ist beigelegt, wir schreiben heute den – VI –." Meine Mutter hielt indessen bis an ihren Tod den gregorianischen Calender für ein ketzerisches Buch, und liess sich nie Ader, wenn im Calender das Zeichen zum Gutaderlassen stand. Es musste kein Haar im Pastorat verschnitten werden, wenn der Calender hiezu anriet, und alles, was sie nur erreichen konnte, mahnte sie ab, Holz zu fällen, Kinder zu entwöhnen, oder sonst eine Medicin zu brauchen, wenn der Calender es gut fand. Es war ein Glück für sie, dass diese ungestempelten Tage die meiste Zeit für sie und die lieben Ihrigen gut ausfielen; es war aber ein Unglück für den gregorianischen Calender, denn sie nahm eben hiedurch einen Grund mehr, dawider zu reden und dem Herrn Superintendenten Einhorn zu parentiren.
Ich würde mich um alles in der Welt nicht unterstehen, in Absicht der Ahnen meiner Mutter ein Schriftsteller in aufsteigender L i n i e zu werden, und meine Leser verlieren auch durch die Erzählung der rühmlichen Taten, Schlachten und Siege nichts, wodurch sich meine Vorfahren mütterlicher Seits, von der geraden und Seitenlinie, um die Kirche verdient gemacht. Sie nannte sie oft Kirchensteine, um alles zusammen zu fassen. Dieser hatte lettische Lieder, wie sie sagte, aus freier Faust gesungen, jener einige übersetzt, ein anderer hatte sich dem Superintendenten D a n i e l H o f s t e i n , welcher den Exorcismus bei der Taufe der fürstlichen Kinder weggelassen, mit Hand und Fuss (ich brauche ihre eigenen Ausdrücke) widersetzt und ihn dem Teufel übergeben, der nach seiner wohlehrwürdigen Meinung die Complimente nicht erwiedern würde, die ihm der Herr Superintendent machte; ein anderer hatte die Ostereier in seiner Gemeine abgestellt, welches, wie meine Mutter behauptete, ein aus andern Ländern nach Curland gebrachter, nicht allgemein im Schwange gehender, unchristlicher Gebrauch wäre, und dieser gute Mann war in Kupfer gestochen. Ich weiss bis diesen Augenblick nicht, wie er zu dieser Ehre gekommen war. Meine Mutter hatte diesen Kupferstich lange verwahrt, ohne davon einen andern Gebrauch zu machen, als dass sie, wie sie sagte, dieses Bild alle heilige Abende vor Ostern eine Stunde angesehen. Sie behauptete, dass ich etwas ähnliches in der Gegend um die Augen von diesem so ehrwürdigen als beherzten mann hätte, obgleich ich davon nicht die mindeste Spur zu entdecken im stand war.
Es sei nun dieses oder etwas anderes die Ursache, genug, meiner Mutter wandelte auf einmal der Einfall an, diesen Kupferstich unter Glas zu setzen und unter den Spiegel zu hängen, der im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen hing.
Mein Vater widersprach diesem Gedanken, da ein Glaser unsere Strasse zog, und ist also dieser gute Mann, obgleich er die Ostereier abgebracht, nicht der Ehre gewürdigt worden, im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen unter dem Spiegel zur Schau gestellt zu werden. Sie war etwas ungehalten über meinen Vater, obgleich sie sich solches nicht weiter merken liess; indessen war es nicht das erstemal, dass sie sein Conto mit einer Schuld belastete. Sie fasste dieses und beinahe alles, was sie sonst noch auf ihrem Herzen und Gewissen hatte, die Not des ganzen Pastorats zusammen, und schrieb's flugs unter die Rubrik: n i c h t a u s d e m S t a m m e L e v i . Ihrem Zorne brachte sie ein Opfer, das sie nachher sehr bereuete. Sie schickte eben so flugs den Rahmen abzusagen, den sie für den Kupferstich bestellt hatte, und war verbunden, obgleich der Nahmen noch nicht zur Hälfte fertig war (und dieses gab zu neuem Aergerniss gelegenheit), ihn ganz zu bezahlen. Nachdem sie ihre zu Paaren getriebene Ideen wieder zu Hauf