war der kälteste Winter, den ich je erlebt habe. Ich sehe noch, wie dein Vater tat, als wüsch' er sich die hände. drei Aepfelbäume rührte der Frost in unserm Gärtchen, auch den letzten Zahn, wie es deine Grossmutter nannte, oder den letzten Pflaumenbaum. Dein seliger Grossvater pflegte im Scherz zu sagen, so viel wäre wohl ausser Zweifel, dass das Paradies nicht in Curland gestanden hätte – im Scherz sag' ich, denn er war sonst, wie sich's eignet und gebühret, mit Haut und Haar, mit Herzen, Mund und Händen, Curländer.
Deine liebe Grossmutter, so gastfrei wie ich, bat ab
zulegen. Dein Vater tat's nicht eher, als bis er die Anwerbung angebracht hatte – nicht um mich, so weit sind wir noch nicht, sondern um die I n f o r m a t o r s t e l l e , die im Kirchspiele offen war – H o f m e i s t e r s t e l l e , sagte dein Grossvater, und belehrte zugleich deinen Vater, dass ein Prediger Pastor hiesse, und dess bin ich herzinniglich froh, und verehre im Staube die wunderbare Schickung Gottes in Curland; denn kein Titel hat solche Verkürzungen erlitten, als Pastor auf deutsch. Erst hiess es Pfarrherr, mitin Herr von vorn und Herr von hinten, wie's billig ist: Herr Pfarrherr. nachher Pfarrer und jetzt Pfarr. Dass sich Gott erbarme! wer nicht buchstabiren kann, schreibt Farr, und das ist ein einjähriger Ochse. In der Aussprache ist so kein Unterschied, wenn man auch drei Ohren hätte. Mein Vater war bei Sr. Hochwohlgeboren, der für seinen Sohn einen Hofmeister suchte, Hähnchen im Korbe. Sehr gern, sagte mein Vater, wenn wir einig werden. – Jetzt spannte dein Vater sich aus, rauchte sein Pfeifchen und tat eine Mahlzeit, dass meine Mutter nachher zu mir (auch im Scherze, denn sie hungerte vor Freuden, wenn es ihrem gast schmeckte) sagte: wäre der Candidat unter den vier tausend Mann gewesen, so viel Körbe wären nicht übrig geblieben.
Dein Vater muss es selbst gemerkt haben, denn er bewies sehr gelehrt, dass man im Winter bessern Appetit, als im Sommer hätte, so wie eine übermässige Kälte auch schläferig mache. Das eine hatte er weidlich bewiesen, das andere war er im Begriff zu tun.
Mir strahlte dein Vater, ich muss es frei gestehen, gleich ins Herz, obgleich eine übermässige Kälte, so wie eine übermässige Hitze, schläfrig macht. Ich sah nicht mehr gerad aus, sondern sehr oft von der Rechten zur Linken, und war dein Vater, der uns oft besuchte, gegenwärtig, so konnte mich das mindeste rot machen. Ein gestohlenes Schaf machte mich über und über rot, wenn man den Dieb nicht wusste und die Frage aufwarf: wer kann es wohl gestohlen haben? Wenn mich dein Vater fragte: ob ich wohl geruhet hätte? war Feu'r im Dach – und ich konnte wohl aus dem schönen lied:
Ich Erde, was erkühn' ich mich,
bei jeder Sylbe, die er sprach, mit Recht singen: Sie sang –
Ganz feurig wirb mir mein Gesicht,
Und das, was meine Zunge spricht,
Kann kaum mein Ohr vernehmen!
Ich bin voll Angst und Schämen. –
Ich weiss nicht, ob ich schon an- und ausgeführt habe, dass dein lieber Vater Hofmeister wurde. Man hatte es ihm sehr nahe gelegt, ein Frauenzimmer, das der Frau vom haus Gesellschaft leistete, schön zu finden; allein er fand weder sie, noch irgend eine Dirne also. Einige glaubten, dass er die seltene Gabe der Entaltsamkeit hätte, davon war ich durch sein dringendes, feuriges Auge eines bessern belehrt. Er blieb nicht lange Hofmeister; sondern in kurzem starb sein seliger Antecessor, und er bekam das Pastorat, wo er noch bis diese Stunde Gottes Wort rein und lauter (das muss man ihm lassen) verkündigt. Abend und wusch sich abermals die hände. Diessmal konnte' es schwerlich aus Frost sein, denn es war Sommertag. Die drei Aepfel- und der letzte Pflaumenbaum haben sich nie wieder erholt und den Kuckuk nicht mehr schreien gehört, denn der Garten war ohne Windkenntniss angelegt, wie dein lieber Grossvater zu sagen pflegte. Meine Mutter hätte noch nie gebeten abzulegen, da er mit der Anwerbung um mich anfing. – "So viel Neigung als Dankbarkeit" – Gut, sagte meine Mutter, Herr Pastor! allein, ehe man Ja sagt, muss man sich bedenken. Beim Nein kann man eher fertig werden. Sie sehen, wie sehr ich zum Ja mich neige. Sie verlangte zu wissen – und das konnte' ich ihr nicht verdenken – wo er her wäre? wer seine Eltern wären? ob sie noch am Leben? ob er Geschwister hätte? – und auf tausend antwortete der Herr Bräutigam nicht eins. Er liebte weder die seltenen noch gemeinen fragen meiner Mutter, und wollte nicht mit der Sprache heraus, und da die Sache weiter getrieben wurde, erklärte er mit Ja und Amen: eher unglücklich zu sein, und weder T h e i l noch A n f a l l auf mich zu haben, als diesen Vorhang aufzuziehen.
Deine selige Grossmutter war das im ganzen haus, was ich in der Küche bin, und wollte dein seliger Grossvater wohl oder übel,