, damit sie, so wie ihr selbst, gegen Himmel sähe, euch, die mein Vater Seher, von Gott Angehauchte, nennen würde; Euch, die ihr höret und sehet, was Viele mit offnen Augen nicht sehen, mit offenen Ohren nicht hören, schreibe' ich diese Briefe zu. Schützt sie wider Hof- und Stadtleute, die Ach und Weh über sie kreischen, wider die Schwätzer und Trunkenbolde in der Liebe, die, gewöhnt an italienische Musik, die kein Schäfchen blöken, keine Nachtigall schlagen, keine Biene schwärmen, keinen Käfer brausen hören können.
* * *
E s w a r e i n e s S o n n a b e n d s – wie hätt' es wohl ein anderer Tag sein können? – da mich meine Mutter bei der rechten Hand nahm, welche sie die A u s e r w ä h l t e zu nennen pflegte, und sich folgendergestalt verlauten liess: Mein Sohn, heute König, morgen tot. Es ist leicht möglich, dass, wenn deine Noviciatsjahre geendigt sind, und du dich, zu Ablegung der heiligen Gelübde, nach Curland zu den Altären deiner Väter mütterlicher Seits einfindest (mein Vater hätte gesagt: wenn du deine Jahre der Wanderschaft zurückgelegt und ans Meisterrecht denkst), du mich nicht mehr in dieser irdischen Hütte siehst. – Dort sehen wir uns gewiss und wahrhaftig; indessen hab' ich noch viel auf meinem Herzen für diese Welt, das ich nicht gern wie einen Haufen Reiser zusammenraffeln, sondern mit Zuckererbsen zur Saat lesen und sondern und dir ins Ohr säen, oder, nach dem ein und vierzigsten Psalm im achten Verse, raunen möchte.
Ich glaubte, dass dieser aufgespannte Pfeil Min
chens geschichte treffen würde, allein ich betrog mich am Ende, obgleich ich meine Mutter, um ein anderes tödtliches Gewehr anzuführen, Pulver auf die Pfanne streuen und zielen sah, da sie von den Vorzügen eines guten, ehrlichen Herkommens sprach. Sie lenkte auf meinen Vater, ihren vielgeliebten Eheherrn, und legte es mir so nahe als möglich, dass ich sie fragen möchte, was sie wohl von seiner Abkunft dächte? Wir bogen beide zur Rechten und kamen nicht zusammen. Freilich hätt' ich auch gern gewusst, was meine liebe Mutter, bass als ich, von dieser Sache wusste. Ich befürchtete aber Aufträge zu gewissen fragen an meinen Vater, und wie hätt' ich einen Mann foltern, oder wie meine Mutter sprach, stöcken sollen, der so väterlich war, mir wegen Minchen keine Frage ans Herz zu legen? Sie musste also durch einen andern Weg in ihr Land. über deinen Vater, sagte sie, habe ich tausend und abermal tausend Tränen vergossen. Selten wird ein Frauenzimmer das Wort Tränen trocken aussprechen, und ohne es anschauend zu machen, was Tränen sind.
Ich weiss zwar nicht, wo er her ist, und wer seine Eltern gewesen, bald hätt' ich l i e b e E l t e r n gesagt; Gott weiss aber, ob sie's verdient hätten und ob's nicht unschlachtig Volk gewesen. – Ich vermute, dass sie ihm eben keine Ehre machen können, denn sonst wüsste ich nicht, warum er so zurückhaltend über diesen Punkt zu sein ursache hätte. Hier fing sie so bitterlich an zu zeigen, was Tränen sind, dass ich sie herzlich tröstete. Sie jammerte mich von ganzer Seele.
Was ich weiss, will ich dir sagen; wollte Gott, dass es ohne die grösste Bewegung meines Herzens geschehen könnte.
Ich verbat ihre Erzählung, da ich sah, wie sehr es sie angriff.
Nein, um des himmels willen, nein, aber nein, rief sie aus, und wenn mir drüber das Herz brechen, wenn ich gleich sterben sollte, musst du alles erfahren, was ich gewiss weiss, was ich hoffe, was ich glaube, was ich fürchte, und noch manches w a s mehr.
Nichts war es spät und frühe
sang sie –
Um alle meine Mühe;
Mein Sorgen war umsonst. –
Und nach Vollendung dieser Herzstärkung fing sie an: Du weisst, wie sich die L e b e n s l ä u f e unserer in Gott ruhenden Vorfahren anfangen: "Was nun anlangt" – ich kann diesen Anfang nie, ohne Lust aufgelöst zu werden. – beten –
"Was nun anlangt die ehrliche Geburt, den Tauftag, den geführten christlichen Lebenswandel und die selige Sterbestunde unserer in Gott ruhenden Glaubensschwester, der weiland viel ehr- und tugendsamen Frauen, Frauen – – so ist selbige – – von christlichen Eltern geboren. Ihr Herr Vater war der weiland Wohlerwürdige, und ihre Mutter die weiland – – leibliche Tochter des weiland Wohlehrwürdigen – ihr Herr Grossvater war der weiland Wohlehrwürdige – so viel Weilands Wohlehrwürden ohne Ende und Ziel." Bei deinem lieben Vater ist ehrliche Geburt und alle Wohlehrwürden in die Rappuse gegeben. Gott gebe, dass dieser Gedanke ihm sein Sterbelager nicht schwer mache.
Es war im Jahr nach Christi Geburt 17 – den – da er zu deinem lieben, seligen Grossvater gegen Abend um sieben Uhr ankam. Es schlug eben unsere Stubenuhr, die so katerhaft brummte, eh' sie eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben herauswürgte, dass ich kein Wort von den Erstlingen deines Vaters zu vernehmen im stand war. Er schien mir mehr mit dem rücken als mit dem mund zu sprechen. – Es