1778_Hippel_037_54.txt

Mutter. Nun würde folgen, selbst zu sterben, und das Entsetzlichstevon deinem tod zu hören. Denn dich sterben sehen, wär' unmöglich. Lieber Junge, alles auf einmal! Du wirst wegmeine Mutter ist schon weg. – Du kommst zwar wieder, allein meine Mutter nicht mehr. Du weisst, wie ich sie geliebt habe, und wie sehr ich ursache dazu gehabt. Wenn wir zu einem Briefträger einen Vertrauten nötig gehabt, wäre sie es gewesen. Du hast mir's gesagt und geschrieben: Ein Mädchen kann zur Vertrauten in der Liebe niemand anders als eine Mutter nehmenhöchstens einen Bruder. Wie wird's jetzt werden, da du dem Benjamin unsere Liebe nicht entdecken willst? – Du schreibst, ein guter, sehr guter Junge, nur ist er gewohnt in die Flucht geschlagen zu werden. Wer Geheimnisse bewahren will, muss des Siegens gewohnt sein. Wir armen Leutchen! jetzt schreiben wir einander und tragen die Briefe selbst an Ort und Stelle. Wenn du aber nicht mehr dreissig Schritte für Männer, und sechzig wenn wir beide zusammen gehen, von mir entfernt sein wirst, wie werde' ich dir meine Briefe im buch reichen oder in die Hand drücken, oder auf diese oder jene Stätte legen, welche der liebe Gott bloss unserer Briefe wegen so dick mit Gras bewachsen liess, um unser geheimnis zu decken. O Gott! wenn ich an deine Abreise denke, ist's mir so, als wenn ich meine Mutter sterben sähe, und doch wirst du wieder kommen, und dein Weib bekennen vor den Menschen. Gott helf' uns dieses Bekenntniss vor dem Altare ablegen, wo wir ehemals unser Glaubensbekenntniss gegen Himmel ablegten! Du musst auf eine Universität, das hast du mir bewiesen, also gehe hin. – Ich werde dir noch viel, viel mitgeben, dass du dich meiner erinnern kannst! – Du armer Junge! ich behalte doch mehr zurück. Dein Vater hat deine Finger, als wenn ich sie sehe. Wie werde' ich darnach blicken, selbst wenn er mir die Hand beim Beichtstuhle auflegen wird, selbst da werde' ich an deine Hand denken. Das ist keine neue Sünde! Was behalt' ich nicht noch mehr! Alle die Oerter, wo du gingst, wo du kamst. Wo Alexander siegte, wo ich deine Gefangene war, wo unsere Augen einen Bund machten; den Altar, wo wir getraut wurden; den Ort, wo wir Concert hielten; wo du oft, oft mich zusammennahmst und küsstest, und wo ich dir durch einen bescheidenen Kuss für deinen heftigen dankte; wo wir uns freueten, dass es Frühling war, und das erste Veilchen, die erste gelbe Blume, den ersten Schmetterling bewillkommten. Der Ort, wo dein Vater uns überfiel, lieber Junge! – ich glaube noch immer, du magst mir so viel sagen als du willst, der hat viel zu deiner Abreise beigetragen. – Der Tod sucht ursache. Gott sei Dank! noch fünf monat. – Was wimm're ich Törin! du gehst hin, um beständig bei mir zu sein, um Stroh zum Nestlein für uns zu holen. – Flieg denn aus, find bald dein Stroh, und denke, dass deine Sie auf dich wie eine von den klugen Jungfrauen wartet. Schick' mir dann und wann eine Taube mit einem Oelzweig. Wir müssen noch verabreden, wie wir's mit den Briefen halten wollen! – ich kann dir nicht sagen, wie mir ist! – So sind wir Menschen! Wer stirbt gern, wenn er gleich weiss, dass er dadurch zum ewigen Leben kommen soll? – Das Letzte ist gewiss. Leute, die recht sehr fromm sind, müssten hier schon wie dort sein. Sie studiren die himmlische Geographie, und sind im Himmel so, wie ich in Gedanken auf all' den Universitäten sein werde, wo du wirklich sein wirst. – Wer stirbt aber gern? Wer? Warum ich eigentlich an dich schreibe, hab' ich dir noch nicht gesagt. Ich habe meine Mutter vor dir nicht sehen können; ich will sie unsere Mutter nennen, meinen Vater aber nie, nie unsern Vater. Der meinige ist er, weil's Gott hat haben wollen; warum sollst du dich aber mit ihm beschweren? Gott verzeihe mir's! wenn ich hiedurch dem vierten Gebote zu nahe tretedu hast mich als Mann darüber losgesprochen und die Grenzen abgemessen: "Bis dahin und weiter nicht." Als Pastor musst du diesen Losspruch noch bestätigen und vollführen, Amen! Wieder von unserer Mutter abich hab' dir noch etwas Schriftliches von ihrem Abschiede versprochen, weil ich's dir mündlich nicht sagen konnte.

Wisse also, mein lieber Junge, dass ich ihr, kurz eh' sie starb, unser Liebesgeheimniss entdeckt habeich habe vor der Minute gezittert, da es hiesse: Vollbrachtnachdem ich ihr aber unser geheimnis gesagt hatte, zitterte ich auch für ihre Besserung. – Ist's nicht gut, dass ich's ihr gesagt habe? – Sie hätt's doch im Himmel erfahren, und dann hätte sie Ursache gehabt, es mir zu v e r d e n k e n , wenn diess Wort im Himmel nicht verboten ist. – Was weiss ichich dachte, es wäre unrecht, sie ohne diess geheimnis sterben zu lassen. – O lieber Junge,