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so ist auch der ganze Mensch hell. – Alles stufenweise in der Liebe! Nach dem blick eine Berührung. Ich denke noch oft daran, wenn sich unsere Finger berührten, da du mir was reichtest, oder ich dirdie Funken spritzten mir bis in die Seele, so oft wir so Feuer anschlugen, und da ich dein Glas wie aus versehen nahm, eben der Stelle trank, wo du getrunken hattest. Himmel, was trank ich! ich trank dich, ich war von dir betrunken, und mein ganzes Blut ward davon entzündet. Endlich das hohe fest, dessen Jahrestag gestern war! Sprachen wir oder sprachen wir nicht? Ich glaube: Nein. Sprache und Liebe bestehen nicht sonderlich, das habe ich oft erfahren. Die Sprache ist ein ungetreuer Dienstbote. Gott, wie du mich küsstest und drei Blüten vom Baume herabfielen, um diesen Ort zu heiligen, und die Nachtigall schlug, und wir diess alles nur halb sahen, nur halb hörten, bis wir uns von diesem Kusse erholt hatten! O Mann, o lieber Mann! welch ein fest! Wie hab' ich gebetet, dass Gott mit unserer Liebe sei! Er, der die Liebe ist, sei mit unserer Liebe! Er weiss das Ja, das wir stammelnd vor seinem Angesichte ablegten, die Sonne beschien es, der Altar war mit V e r g i ss m e i n n i c h t bordirt und mit Blumen geschmückt, die so schön zusammenstanden, als ob sie auch untereinander vermählt und zusammen getraut wären. An diesem Tage, lieber Mann! müssen wir auch einmal, wenn Zeit und Stunde ist, vor der Welt zusammengegeben werden. Dieser unser Weltochzeittag sei uns ein untergeordnetes fest, und also am nämlichen Tage! – Man muss Gott mehr lieben als die Menschenich habe sehr, sehr für dich gebetet. Ich bin deinetwegen beim lieben Gott Sturm gelaufen. laut, laut schrie ich: Gott sei mit ihm, mit ihm! Ich nenn' dich immer zum lieben Gott Er. Gott weiss ja alle Dinge. Einmaldas muss ich dir ohrbeichtenkam mir der Alexander in den Mund, und ich ward so zurückgesetztich schämte mich so vorm lieben Gott, dass ich in zwei Tagen kein Wort hervorbeten konnte. Ich denke, es kommt daher, weil wir Alexander gespielt haben, und weil der liebe Gott das Herz und kein Spiel haben will. Weisst du woher anders? schreibe's mir. Es war doch nicht ein Schelmenstück, dass du den Alexander machtest, und mein Bruder Benjamin den Darius. Du heisst ja leider Alexander. Da bin ich wie deine Mutter! Ich gäbe was drum, wenn du J o h a n n oder G o t t l i e b hiessest. – Ich vergess' es nicht, was der Herr Candidat * sagte, der als Volontair nur einem der Feldzüge zusah, den dein Vater mitmachte: "Gut wär's, wenn überhaupt König nur gespielt würde!" Dein Vater schüttelte Nein! warum nein? – Ich bin des Herrn Volontairs Meinung.

Es hat doch bei unsern Schlachten kein Junge ein Bein gebrochen, und die Jungens sind alle so vollkommen, so stark. Benjamins Fuss ist obenein gerader geworden; was fällt aber nicht, wie man hört und liest, im Kriege? Im Anfange glaubte ich, dass in der geschichte die Zahlen verdruckt wären, ich fand's aber oft ganz ausgedruckt. Die Leute sollten's nicht so deutlich machen, damit man wenigstens denken könnte, es wäre eine Null zu viel. Da sehe' ich, was ich zusammen geschrieben habe. Wenn du oder ein anderer Alexander das, was ich geschrieben, schreiben, oder besser zusammenlegen sollten, wär's ordentlicher und kürzer, glaube ich, aber nicht herzlicher. Ich streiche nichts. – Mögt ihr doch streichen, wenn ihr nur nicht das Herz herausstreicht, wie ich glaube, dass es die meisten von euch tun. Da fiel's mir neulich beim Pilatus ein: "was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben." Gott verzeihe mir's. Ich dachtedas Weiber, als Landpfleger, hätte ja streichen können. Wie ich froh bin, lieber Junge, das wird dir dein Schutzgeist sagen. Der meinige hat ihn heute gewiss mehr als einmal besucht und es ihm erzählt. Wenn wir sie kennen lernen werden, das wird eine Lust sein. Mir ist's sehr, sehr angenehm, an den Tod zu denken. Ei wie denn dir? Gott segne dich und behüte dich in alle, alle Ewigkeit! Amen! Amen!

(An der einen Seite:) Heute gewiss einen Brief von dir. Es ist Geburtstag. Die Briefe werden sich begegnen. Ist er noch nicht abgeschickt, lass ihn den meinigen küssen; ich werde's empfinden; und eh' die Briefchen einmal, wenn wir zusammen sind, auch zusammen kommen und sich paaren, wird's noch eine Zeit dauern. An unserm Weltochzeittage wollen wir sie zusammen legen. Eben denke' ich dran, wie furchtsam unser erster Kuss war, um dir zugleich eine gute Lehre zu geben. Jetzt ist's so, als wenn du mir das auge' austrinken wolltest, wenn du es küssest. – –

Sie an Ihn.

Ich habe zum erstenmale einen Menschen sterben gesehen! und gleich zum erstenmale eine