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Wenn du morgen zu mir kommen willst, komm um vier; von vier bis sieben sind nur drei Stunden. Ich habe dir viel von der Liebe zu sagen, worauf mich dein Brief gebracht hat. So was muss man sich sagen; schreibt man, ist's so, als wenn man Schlagwasser aufs Schnupftuch giesst. Ich denke, die Liebe ist noch das einzige, was in der Welt von ihrem stand der Unschuld, und von der Zeit, da sie aus der lieben Gottes Hand kam, übrig ist. Und du lieber Gott! bei dem allen glaube' ich, dass nicht drei Paar in ganz Curland sich lieben, wie man recht liebt, sich lieben wie wir. – Du wirst über vieles lachen, was ich mir im Kopf gezeichnet, über vieles wirst du mich aber küssen. – Im land, schreibst du, wo man sich in der Landessprache nicht auf gute Weise dutzen kann, liebt man nur so so – – recht! ganz recht, lieber Junge, und wann hättest du nicht bei mir Recht? Das Dutzen ist so was zum Herzen, dass ich's nicht sagen kann. Was das hübsch ist, dass du deinen Vater und deine Mutter du zu nennen das Herz hast. Meinem Vater dürft' ich so nicht kommen, der Muttter wohldarum liebst du auch deinen Vater mehr, als ich den meinigen. Unsere Mütter lieben wir, glaube' ich, gleich. – Den kleinen Finger von der Liebe, womit wir uns lieben, auch der nicht! – Ich habe schon gedacht, ihr Männer könnt nimmer so zärtlich sein, als wir. Hörst du? als wir. Wo ich alles vernehme, was ich schreibe, musst du besser wissen, als ichdenn in Wahrheit, wenn ich mich an das Papier setze, weiss ich kein Wort. Morgen von vier bis sieben! Ich würde nicht eine Sylbe an dich schreiben, wenn du es nicht so wolltest, aber du müsstest ohne Ende und ohne Ziel an mich schreiben, sonst wüsste ich nicht, was ich anfinge. Ich finde in keinem buch das, was ich in deinen Briefen finde. – Was du aber in meinen findest, kann nicht viel sein.

N.S. Komm ja um vier; mich ärgert, dass ich alles so voll geschrieben habe, ich möchte dich gern noch einmal, und noch einmal drum bitten: um vier.

Sie an Ihn.

Sie an ihn! diese Erfindung macht dir Ehre. Du und ich, ich und du. Mehr ist für uns nichts in der Welt. Mir kommt's wenigstens so vor. Es geht dir mit meileben, wenn ich nicht was von dir bei mir trüge. Ich sehe diess als ein Pfand an, das du mit einem Kusse auslösen musst. Den letzten Brief trage ich immer im Busen, bis ihn der folgende ablöst. Dein Tuch aber kann ich in der Hand halten und küssen, und mich damit vor aller Welt Augen erfreuen. – Mein Tuch und meine Feder, und mein Buch und das Band auf meinem kopf, das du nicht berührt hast, ist mir als ein ungetaufter Heide. Was du angefasst hast, ist mir eingesegnet und geweiht. Die Stadtleute, die nicht wissen, wie schön es ist, Blumen an der Wurzel zu sehengeben sich einander Blumen. Ihr Blumengeschenkdas habe ich von dirist ein Bild ihrer Liebe, die auch bald dahin stirbt. Ich möchte nicht in der Stadt wohnen um vieles! Die Leute, glaube' ich, haben da den lieben Gott nur in der Kirche, wirder Name des Herrn sei gelobt! – haben ihn überall. – In Mitau werde ja nicht Pastor. werde' es auf dem land. Da hast du halb predigen, und wir leben doppelt. In der Stadt ist man, wie's in der Bibel steht, l e b e n d i g t o d t . Man lebt sich da, wie du sagst, krank und tot. Dass du mir ja keine neue Feder mehr schickst. Ich will keine, mit der du nicht schon geschrieben, und die du nicht schon in gang gebracht hast. Und was ich noch mehr will, das hätt' ich bei einem Haar vergessen. – Der alte Herr geht morgen aufs Land und bleibt drei Tage. – N.S. Um acht Uhr des Morgens kommt der Wagen nach ihm; um neun ist er gewiss nicht mehr hier.

Sie an Ihn.

Gestern, lieber Mann meiner Seele! Einziger! habe ich den Geburtstag unserer Liebe gefeiert. Im buch der Lebenden, das vor dem Trone Gottes liegt, sind wir gewiss von Anbeginn in einer Reihe zusammengeschrieben. Ich zittere und freue mich. Es schaudert mich und ich bin entzückt, da ich an das zurückdenke, was gestern neu geboren ward. Der erste Kuss und mit ihm der Schwur: "Ewig mein!" ich habe meinen Schutzengel sehr gebeten, es dir einzuflössen, was ich gestern empfunden habe, es ist unausschreiblich! Denkst du auch noch zurück? Unsere Augen waren die ersten Bekannten; sie waren immer zusammen, wenn sie sich erreichen konnten. Eh man sich liebt, ist das Auge, wie du sagst, als eine Sonne mit Wolken belagert. Die Liebe steckt das Auge an, zuvor ist es eine unangezündete Kerze. Kaum brennt's,