gemeine Mann eben so klug ist, wie der Hofmann, nur dass ihm der Ausdruck fehlt, zu dem ihn doch zuweilen ein Gläschen über'n Durst bringt, und dann ist dieser Ausdruck immer treffender und wärmer, als der Ausdruck des Hofpapageien. Gelehrte von geringer Abkunft wollen nicht Engelaffen, sondern Menschen sein. Tun sie ja, als wüssten sie auch, wie es bei hof zugeht, so steht's ihnen gewaltig übel. – Selten ist Geschmack in ihrer Kleidung, am wenigsten bei Perücke und Schuhen. Ein Schweinbraten kommt bei einer wirklichen Hofschüssel zu stehen. – Etwas wohlfeiles in ihrem Ausdruck, und dann zuweilen ein Schwung, dass man frägt: Wo sind sie geblieben? Sie nehmen sich des gemeinen Mannes an, und wollen es nicht sein.
Ich weiss nicht, ob es meinen Lesern nicht aufgefallen, wie sehr mein Vater von je an Zeichen einer guten Geburt schimmern lassen. Er hatte wahrlich eine sehr feine Lebensart. Ein gewisses Selbstgefühl war ihm eigen, bei einer edlen Mitteilung auch immer ein gewisser Rückhalt, der Leuten von stand eigen ist! – Aus diesem Gesichtspunkte wird man manches so nach und nach auflösen, was in seinem Charakter sich zu widersprechen anscheint, und sich nicht widerspricht. Nie wand sich das Licht in einem schwarzen Chaos, ehe es herausspritzte. Es spritzte nicht, es floss. – Er schrie nicht, er sprach, und es ward. Sein Ausdruck war nie gemein, allein auch nie schwer. Er war kein Tongeber, allein auch kein Tonnehmer. – Die Italiener bitten aufs Casino zu Gast. Sie wollen's zu gut in ihrem haus machen, und lassen es lieber gar bleiben. Der ist geborgen, der schon bei ihnen im Saal ist. Licht ohne Ende. Allein auf der Treppe flösst man sich den Kopf.
Vielleicht hätten wir, ohne menschliche Seele, Anlage zu H a u s t h i e r e n , sagte mein Vater; und dann wieder kaum!
Meine Mutter hatte die beliebte Pastor-Erklärungswendung: A l s w o l l t e e r s a g e n . – Wenn er Pastorin in – gewesen, fiel mein Vater ein. Die Commentatores empfehlen, was jetzt getragen wird. Sie machen aus einem Kopf- ein Kniestück und sticken ein Stück Leinwand an, das sie nach Gutdünken bemalen. – Schade um den alten guten Rahmen, aus dem sie den Kopf gehoben! Meinst du? Jammer und Schade um das Bild! Ein junger hohnsprechender Pastor, der von – kam, liess sich aus: Er würde eine Vorsündfluts-Weltgeschichte schreiben und der Bibel Vorflut schaffen. Mein Vater vermied so sehr als möglich, mit ihm zusammen zu sein. Noch ist das Werk nicht heraus.
Mein Vater war nie verlegen über seine Predigten. Im gemeinen Leben schien er rednerisch; es war aber bloss ein lebensartiger Ausdruck. Die Redekunst macht seichte Köpfe, pflegte er zu sagen, und wenn einige seiner vernünftig milchlautern Collegen sich unter einander beschwerten, dass sie nichts mehr zu predigen wüssten, und dass sie sich ausgepredigt hätten, versicherten; so konnte er diess eben so wenig begreifen, als dass irgend jemand die Zeit lang werden könne. Oft nahm er eine Blume, einen Ast aus der Sonntagslection, Evangelium oder Epistel, oft ging er sie ohne meiner Mutter: A l s w o l l t e e r s a g e n , nach ihrer ganzen Länge durch. Kopf- blieb Kopf- – Kniestück Kniestück!
Wenn Christus, sagte meine Mutter, eine Bibel vom Himmel gebracht, wie doch die gewesen wäre!
Darstellung, sagte mein Vater, ist der nächste Weg zum Menschen. Wer durch die Speculationstür kommt, ist ein Mietling!
Die Feierlichkeit, mit der mein Vater alles tat, war so sehr von der Festlichkeit des Herrn v. W. unterschieden, dass ich behaupten kann, bei einem war der Leib, bei dem andern die Seele im Sonntagsgewand.
Meine Leser! (oder soll ich mich bloss zu dir, mein guter – – es! wenden?) werden dieses Sonntagskleid oft gefunden haben; nie aber mehr, als wie er: Licht! rief. – Das Papier glühte so feierlich, sagte meine Mutter, als wenn einst Gott den Bogen Papier des himmels am Licht anzünden wird.
Meine Mutter konnte ihm seine Kopfunterlage im Bette nicht hoch genug machen! Es war ein Berg aus lauter Matratzen. – Herr v. G. hatte fast nichts unterm Kopf.
Salbei ein Kraut, woraus die Alten viel machten, ward, meinem Vater zu Gunsten, an die meisten Schüsseln gelegt, die meine Mutter anrichtete.
Er schöpft die natur so von oben, sagte meine Mutter, wie ich den Milchrahm; obgleich sie auch naturfinderisch war.
"Gleich das erste Jahr nach unserer Hochzeit ging ich mit ihm spazieren; wir sahen eine Eiche, die am Zaun stand. Sieh nur, sagte er, sie sieht auf den Zaun, dessen Kinder und Kindeskinder sie beleben wird."
Von abgerissenen Blumen, die im Zimmer ihr Leben aufgaben, war er kein Liebhaber. – Man riecht den Todesschweiss, sagte er, und ihre Verwesung!
Meine Mutter konnte nicht vergessen, dass er die Frösche einst Dorfmusikanten genannt.
Wie die Blumen und Bäume da schlafen, sagt' er einen schönen Abend zu mir (alles aus dem mund meiner Mutter), da uns der Mond herausgelockt hatte.