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Schauspiel, wo sich der Zuschauer, bloss weil er seinen Platz bezahlt hat, über andere zu lachen berechtigt hält. Der Weltpatriot sieht diess Leben als Zeit und gelegenheit zu ernstaften Dingen an, wenigstens hält er sich verpflichtet, Vorsätze hiezu zu fassen. Gott segne seine Studia.

Mein Vater stritt, ohne eben darauf auszugehen, Recht zu behalten. Jeder wird seines Glaubens leben, war sein Glaube. Meine Mutter pflegte zu sagen, er sei von der streitenden, nicht aber von der triumphirenden Kirche.

Ich möchte wetten, er hätte gern einen Ring getragen, wenn er nicht Pastor gewesen. Herr v. G. seliger gewiss nicht, um wie viel nicht.

Mein Vater setzte nichts ins Spiel, was er lieb hatte. Meine Mutter glaubte, man könne seine Zuneigung zu allem Leblosen nicht anders an den Tag legen, als wenn man es an einen Ehrenort setzte. Selbst war sie für Gewölbe, bis mein Vater sie davon, wie vom Kreuzschlage, abbrachte. Mein Vater brauchte alles, was er lieb hatte. Durchs Aufbewahren, bemerkte er, zerbricht alles leichter. Peinlichkeit schadet überall. Wenn man mit der Dose im Umgange ist, wird sie zuletzt ganz dreist mit uns, und so bekannt, dass sich keines vor einander scheut, weder ich noch sie. Ist es nicht töricht, sich Knoten ins Schnupftuch machen, um sich an diess und das zu erinnern?

Was er doch über die Teilung von Polen gesagt haben würde, wenn er sie erlebt hätte?

Gern, lieber Freund! – – hätte ich gewünscht, Sie hätten meinen Vater, wenn nicht gekannt, so doch einmal gesehen. Er gehörte unter die sichtbaren und unsichtbaren Geschöpfe, und war in allen Rücksichten ein verehrungswürdiger Mann.

Männer seiner Art sieht man gern. Eine doppelte Persönlichkeit am Kern und Schale, Körper und Geist!

Es gibt Leute, an denen es auffällt, dass sie den Leib nur wie einen Schlafrock umgeworfen. – Er hängt so, wie ein Dieb am Galgen. – Meinem Vater war der Leib auf die Seele gemacht, so wie man vom Kleide sagt: Es ist auf den Leib gemacht. Es war ihm Mass genommen. Ein feiner Anzug! – Keine steife Leinwand, alles so locker und ädellose und doch anprobirt! Wie auf den Leib gegossen. Oft ging er für die Seele. Es gibt wirklich Seelenbewegung, wobei man ordentlich fühlt, dass der Leib keinen Anteil hat. Den Magen nannte er die Wurzel des Tieres; das Gehirn die Wurzel der Seele.

Z u o r t h o d o x ? Er war freilich den grundsätzen seiner Kirche treu; allein wahrlich, er würde den kindlichen Communionshunger des Johann Jakob Rousseau, welcher auch in meinem buch Todes verblichen, gestillt haben. Meine Mutter, die eine Schutzpatronin der leidigen Erbsünde war, hätte ihn zwar ohne Gnade und Barmherzigkeit vom Tisch des Herrn gewiesen und wider seinen Zutritt in bester Rechtsform protestirt; allein mein Vater nicht. Wahrlich, wahrlich! ich sage es euch, er hätte ihm diesen Tisch gedeckt und einem so hungrigen und durstigen Mann das Brod gebrochen und diesen Kelch gegeben. Ihm, der Brüder und Schwestern suchte, und so viel Seelenmordbrenner und Gewissensvergifter fand, dass er zuletzt meinem vierschrötigen Freunde H u m e nichts Gutes ansah, und ein solch wunderlicher Seelen- und Leibesphysiognomist ward, dass sich Gott erbarme! Nie kann ich es vergessen, was mein Vater, der mit dem Apostel J o h a n n J a k o b nur nach meiner Zeit näher bekannt worden, meiner Mutter (aus dem Einhornschen Geschlecht) bei gelegenheit, dass sie den Stab über den Herrn v. G. brach, dessen er sich in seiner Abwesenheit immer ritterlich annahm, zurief: Preussen! Holland! Toleranz hin, Toleranz her! Ein anderes ist Toleranz aus Commerciumabsicht, ein anderes von Gotteswegen. Ein anderes Holland, ein anderes (er nannte ein Land). – Glaube mir, mein Kind! wer würde in Holland unddem Herrn Christo die Communion versagen, wenn er da wäre? Die Narren! ohne zu bedenken, dass er sie in der Nacht da er verraten ward, eingesetzt hat. Nenne mir ein Land, liebe ortodoxe Seele, wo man ihn nicht kreuzigen würde? Wo er nicht noch in manchem seiner Jünger (Rousseau und –) gekreuzigt wird? Lieber Rousseau! Ich habe dich meinem Schwiegervater empfohlen, und er feiert deinen Sterbetag, obgleich du nicht von Adel bist. – Mehr vermag ich nicht. Meine Mutter hätte dir kein Monument in der Speisekammer errichtet? Ob mein Vater zum E u g e n im Prunkzimmer zur rechten Hand unterm Spiegel gesagt: W e i c h e d i e s e m ! weiss ich nicht. Wenn ich erwäge, dass du, wie alle edle Menschen, nicht hattest wo du dein Haupt hinlegtest, und da dich dürstete, dir nichts gegeben ward, als Essig und Galle, so fällt mir der Spruch ein: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan!

Geburt, sagte mein Vater, klebt an bis ins Grab. Wahrlich, er hatte Recht! Die wahre Religion ist die, in der man geboren und erzogen ist. Erziehung ist ein Stück von Geburt; Seelengeburt! Seht selbst Gelehrte, wenn sie von schlechtem Herkommen sind, wie sie sich nach ihres Geburtsgleichen sehnen! – Sie finden, dass der