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, muss ich um des Schwächern willen anführen. Keine Manche, die geliebt hat, wird sich am Latein den Kopf stossen oder das Aermchen streifen.

Der alte Herr, der mir ein tiefuntertänigstes Kompliment an Se. Hochwohlgeboren mitgab, tat, was Mäkler tun, wenn sie den Käufer und Verkäufer angeführt: er wünschte mir Glück und Segen, wobei er aber nicht bloss meine Reise nach –, sondern auch die auf Universitäten verstand. Die Frau des alten Herrn, ein gutes Weib, zwar nicht aus dem Stamme Levi, doch aus dem Stamme der christlichen Einfalt und Ehrlichkeit, gab mir die Hand, da ich wegging. Gott geleite Sie, sagte sie, und segne Sie, und geleite Sie und segne sie immerdar, jetzt und in alle Ewigkeit!

Da ich noch auf eine längere Zeit nachreisen werde, will ich mich, in Rücksicht meiner Leser, nicht lange inaufhalten, obgleich ich drei Tage zu bleiben gezwungen war. Ich lernte den jungen Herrn mit Flinte, Jagdtasche und Hirschfänger kennen, sein Vaterein rechter echter heller klarer Mann. Wie hat der Mann zehn Jahre meinem Vater den rücken kehren können? Seine Gemahlin, eine gnädige Frau

Ich will nicht vorfassen

Die Frau v. G. – – brachte mich auf den Wunsch, wenn Minchen so ein gewisses Etwas hätte, das man in der grossen Welt in zwei Stunden lernt, wenn man in Purpur und köstlicher Leinwand geht, einen gönner am hof und Geld auf Zinsen hat, und wozu man längere Zeit braucht, wenn eins von diesen Stücken gebricht. – Eine Viertelmeile von der gnädigen Frau war ich von diesem Etwas und meinem voreiligen Wunsche zurückgebracht. Ich überrechnete die Eigenschaften, die bei Minchen hierdurch leiden könnten, und was d a c h t ' i c h , d a i c h d a s S c h ö n e d e r N a t u r r i n g s u m m i c h s a h . Was ist diese künstliche Dreistigkeitgegen die der natur! Was ein Garten gegen Wald und Feld! Ein Junge, der ehemals unterm Phalanx gedient hatte und in Gnaden verabschiedet war, liess mich wegen der Nachricht, dass Minchens Mutter gestorben, nicht ausdenken. Plötzlich sagte er, niemand konnte sich's vorstellen. Eben ist sie kalt geworden. Die Worte: "Gott geleite Sie und segne Sie, und geleite Sie und segne Sie immerdar, jetzt und in alle Ewigkeit!" fingen mir so lebhaft an zu werden, dass ich diese alte gute Mutter sahund Minchen, sagt' ich? ihr Königliche Hoheit, antwortete er, befindet sich wohl, ausser dass sie halb tot wegen des Todes der Alten ist.

Mein ehrlicher Helm (er hiess eigentlich Wilhelm, seiner Tapferkeit wegen war ihm indessen die erste Sylbe allergnädigst erlassen) sagte diess mit so viel Subordination (diese und nicht Ehrfurcht verlangte ich von den Meinen), dass er in jedem Wort Takt hielt. Er bemerkte unmassgeblich, dass dieser Todesfall vor einiger Zeit durch ein Licht in der Kirche zwischen elf und zwölf sehr richtig vorher verkündiget wäre, allein ich belehrte ihn, dass dieses Licht meiner Mutter H a n d l a t e r n c h e n gewesen; ich, fuhr er fort, habe diesem An- und Vorzeichen nicht geglaubt. Desto besser, erwiderte ich. Untertänigsten Dank, beschloss Helm, für die Parole "Handlaternchen", ich werde sie weiter geben. – Gut! sagt' ich. Soll ich mit, fragte H e l m , und zeigte Briefe, die er wegschnellen sollte; ich winkte ihm ab, und mein Pferd, als ob es den H e l m verstanden hätte, hielt am Trauerhaus. Ich fand Minchen die hände ringen und laut, laut wimmern; meine Mutter! meine Mutter! Meine liebe Mutter!

Sobald ich ins Zimmer trat, artete ihr Schmerz in Kunst aus. Sie veredelte ihre ersten natürlichen Aufwallungen; sie schrie nicht aus, sie seufzte nur ein sanftes Ach! Sie weinte zwar, allein sie schluchzte nicht. Sie goss nicht Tränen, sie taute sie nur; sie rang nicht mehr die hände, sie faltete sie. Sie bedauerte ihre Mutter, allein sie war bemüht, dabei auch ihrem Vielgetreuen zu gefallen. Im allerersten Affekt hätte ich dieses vielleicht nicht über sie erreicht, jetzt aber opferte sie mir ihren Schmerz auf. Sie verliess ihre Mutter, um an mir zu hangen. Alle poetischen Uebel geben der Liebe Zuwachs. Ein Mädchen, das einen Bräutigam hat, kann unmöglich über den Tod ihrer Mutter anders als dichterisch betrübt sein. Ihr Schmerz ist ein schöner Schmerz. Sie übersetzt den Schmerz, wenn ich so sagen soll, in wohlklingende Verse: Alles was sie tat, gehörte der Seligen und mir zur Hälfte.

Hätten Sie sie sterben gesehen! Einen Gruss über den andern an sie. Sie ging so schön wie die Sonne unter; ich hätte was drum gegeben, wenn sie diese untergehende Sonne noch beschienen hätte. Gewiss sind Sie ihrem Geist begegnet.

Ich bin ihm begegnet, ich hab' sie gesehen, ich hab' sie gehört. Gott geleite sie und segne sie, und geleite sie und segne sie jetzt und in Ewigkeit! Ich hör's noch.

Da sah und hörte mich mein Vater. Alexander! rief er, und ich war kein Sonntagskind mehr,