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d e r vorrückte. F e d e r s c h n e i d e r wollen Sie sagen, fiel ihm Herr v. W. ein. Freilich hätte Gottard bedenken sollen, dass Hermann ein Häusling des Herrn v. W ist. Gottard war gewohnt, dem Herrn v. W. nachzugeben. Es blieb beim Federschneider. Viele nannten den Hermann Sekretär, und man liess sie, ohne dass sie zurechtgeholfen wurden, dabei.

Um die Zeit, wenn der Inspektor seinem Vater das Jahrgeld sendet, ist Hermann so tief in Gedanken, dass Herr v. W. alle Mühe hat, ihn zu zerstreuen. – Er könne sich, sagt Herr v. W., vor Unruhe nicht bergen. – Wie das kommen mag! Wenn es nur nicht mit Hermann zum Ende geht! sagte Herr v. W., da er mich zum letztenmal besuchte. – Jetzt fängt er an, so tief in Gedanken zu fallen, wenn er nur etwas anlegt, das von dieser Pension gekauft worden! Den Bratenrock zieht er gar nicht mehr an. Gott sei seiner Seele gnädig!

Der Schwager P e t e r hat ein Weib genommen, darum kann er nicht kommen, sagt Junker Gottard, das heisst: Der gute Junker Peter hat die herrschaft in seinem haus nicht abgetreten; allein er ist so wenig Herr, dass seine Frau sogar den Stab Wehe über ihn führt. – Herr v. K. nahm ihn in Anspruch, und forderte alles Geld, das er ihm geschenkt, oder mit ihm gemeinschaftlich reichmännisch durchgebracht hatte. Es war nur, schreibt ihm Herr v. K., auf die Hand gegeben. v. K., der ehemals ein Verschwender war, ist jetzt in einen solchen Geizsumpf gefallen, dass er sich entsetzlich besudelt. – Jeder Redliche im land flieht ihn. Wer hat aber nicht seinen Anhang in Curland, der auch mit v. K.'s vor den Willen nimmt. Junker Peter konnte sich in der Not, da er vom v. K. in Anspruch genommen ward, und bei dieser gelegenheit so mancherlei und manches ans Licht brach, nicht anders als durch ein Eheverbündniss helfen. Wie oft decken Ehen der Sünden Menge! Fast immer sind sie heute zu Tage Sündendiener.

v. E. hat eine sehr liebenswürdige Frau, und von ihr drei Söhne, die dem Bilde ihrer Mutter ähnlich sind. Ich hab' ihn seit der Zeit nicht gesehen, da er in Königsberg König eines Freudenmahls war. Warum bracht' ich die Nacht, da Herr v. E. mit Extrapost von Königsberg ging, schlaflos zu? Seine Zuschrift, nachdem er von meiner Ankunft in Curland Nachricht eingezogen, will ich so wenig mitteilen als meine Antwort. Wir wissen alle, dass er Franzos und Curländer war, dass er kriechen und sich ein Paar Zog höher heben konnte, als er gewachsen war. Ob seine Frau ihn nicht wenigstens auf Eins einschränken, und entweder zum Curländer oder zum Franzosen bringen wird? muss die Zeit lehren. Wie es zugegangen, weiss ich nicht; allein v. E. hat den v. K. gefordert. Wie gewöhnlich, haben sie sich nichts getan. Da hat jeder seinen heisshungrigen Jupiter, und dergleichen Gevatter wetzen die Scharten aus.

Diesen Augenblick erhalt' ich vom Herrn v. W. die Nachricht, dass H e r m a n n in wirklichen Wahnsinn gefallen. Welch ein Unterschied gegen eine Lindenkrankheit! – Die Höflichkeit des Herrn v. W. erlaubt es nicht, ihn von sich zu entfernen. Und auf der andern Seite, bemerkt er, bin ich äusserst mit ihm geplagt. – Sich selbst kann H e r m a n n nicht überlassen werden.

Sein Sohn hat ihm dieses Jahr hundert und fünfzig Taler gesandt. Ob ihm diese Erhöhung völlig den Kopf verrückt, oder die Bitte, die Benjamin der Zusage beigefügt, ihn in Preussen zu besuchen, weiss Herr v. W. nicht.

Die Frau Inspektorin sei in gesegneten Umständen, und trüge ein so grosses Verlangen (schreibt Darius) ihren Schwiegervater zu sehen, dass er auf das dringendste bitten müsste – M ü ss t e , das glaube' ich selbst! Einen andern Vater würde diess entzückt haben, und Hermann – –

I s t t o d t ! – Ein Brief von meiner lieben Mutter. – drei Tage vor seinem Ende ist er vernünftig gewesen. In den Anfällen der Raserei hat er sehr laut B e n j a m i n gerufen! M i n e aber so hohl, als dürft' er nicht. Inspektor! Inspektor! jetzt könnt' es dir leid tun, dass du deinen Vater nicht noch gesprochen hast! Gute Wochen deiner Frau! Eben meld' ich ihm den väterlichen Tod. In der Beilage dieses Briefes erfolgten 350 Reichstaler preuss., die Hermann unerbrochen weggelegt hat. Unerbrochen! Das Ehrenkleid, das er von der Pension des ersten Jahres berichtigt, ist ihm mit ins Grab gegeben, auf sein ausdrückliches Verlangen. Ich will es anziehen, hat er gesagt, wenn ich Minen sehe!

Rot wird seinetwegen kein Tag im Kalender des Herrn v. W. gefärbt werden, dafür steh' ich; so wie ich weiss, dass er seinen Tod herzlicher, als den Tod so vieler anderer Rotgefärbten bedauern wird!

Junker Gottard soll Bräutigam sein! Das wäre viel! – Alles, was