! Ist der Tod nicht Ende? Wie glücklich, dass wir sterben! Erwachen wir nicht, nach einer Nacht voll Schlaf, frisch zu einem schönen Morgen? Die Nacht ist ein Bild des Todes, der Morgen ein Bild der Wiedergeburt, die uns allen bevorsteht. – Herr, lehre du mich bedenken, dass ich sterben muss, lehre es mich in jeder Dämmerung, lehre es mich am Sonnabend vor allen Dingen! Mache es mit mir, wie du willst – und ist der Sonnabend meines Lebens vorhanden, helfe mir Gott, der helfen kann, wenn alle menschliche hülfe verzweifelt! – Wenn kein Trunk mehr unsere gedorrten Lippen labt, erquicke uns der Trost der Unsterblichkeit. Wenn die Unsrigen unsern Segen fordern, und wir segnen wollen und nicht mehr können, vollende das Werk; Abba, lieber Vater! du hast mehr als Einen Segen. Lass unsere Lieben bedenken, dass wir sie alle wiederfinden werden an einem schönen Sonntage, mit Feierkleidern angetan! – Halleluja! – V o l l b r a c h t ! sei unser letztes Wort, G n a d e ! unser letzter Seufzer.
Da denke ich eben an die, so eben jetzt, da ich um ein sanftes, seliges Ende bete, wenn mein Stündlein vorhanden ist, ihr Haupt zum tod zurecht legen! Möchte doch ihr Sterbekissen ihnen leicht sein! – so wie uns allen einst die Erde! Wir sind ja alle aus deinem haus, lieber Vater! Kinder der Todesangst unseres sterbenden Bruders, unserer entschlafenen Schwester. Lass den guten Geist, der sie in dieser Welt leitete, ihre Seele geleiten zu den Wohnungen der Gerechten! – Sie sterben an einem schönen Tage! Erbarme dich ihrer und unser aller! – Kürze die Not eines jeden, die er auch seinem Vertrautesten nicht entdeckt, der Mann nicht seinem weib! – Erhöre jeden Wunsch, wenn es auch dein Wunsch ist! Amen! In deine hände befehle ich meinen Geist! Amen!
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Ich habe die Gewohnheit beibehalten, dass sie alle Abend in Gegenwart der Leute betet und auch ein Lied nach dem Gebete anstimmt, das wir alle singen. Ihr gebührt die Wahl, und ich habe oft die Freude, durch diesen oder jenen Gedanken eines liebes herzinniglich überrascht und selig erquickt zu werden. – Würde sich meine selige Mutter über eine solche Tochter nicht freuen, wenn gleich sie nicht aus dem Stamme Levi ist, und ich nicht Superintendent worden! Aus dem lied sehe ich, wie mein liebes Weib gestimmt ist: Gestern Abend sangen wir:
Warum sollt' ich mich denn
grämen?
Gott! wie sang sie den Vers:
Kann uns denn der Tod wohl tödten?
Nein! er reisst
meinen Geist
aus viel tausend Nöten;
schliesst das Tor der schweren Leiden, –
und macht Bahn
himmelan!
zu dem Sitz der Freuden.
Heute singen wir ein Loblied, das sehe ich ihr an; alle Sonnabend einen Sterbegesang, das weiss ich schon! Meiner seligen Mine Regenlied: I c h h a b ' m e i n ' S a c h ' G o t t h e i m g e s t e l l t , ist auch ihr Seelenlied. – Ich wünschte, dass manche edle Seele von meinen Leserinnen den Hermann spielen und mein Weib singen hören könnte. – O des guten Weibes! Kind- und Pflichtteil berichtigt! Ich habe ihn beim Publico eingeschrieben; mehr gebührt ihm nicht. So viel indessen zur Nachricht, dass er ein lieber, lieber Junge ist, der seinen Lebenslauf zu seiner Zeit schon ohne seines Vaters Beihülfe schreiben wird. – Es hat gute Wege mit ihm; Fähigkeiten seltener Art!
Junker Gottard besucht uns alle Jahre, so wie er uns sein Wort gegeben. Noch ist er nicht Ehemann. – Seine Ja Jagdliebhaberei nimmt täglich zu. – Sein Herz ist untadelhaft. Man mag sagen, was man will, er ist doch immer das beste wild in allen seinen schönen Wäldern.
Seine Mutter kann es sich noch nicht vorstellen, dass ich die Tochter eines benachbarten Edelmanns geheiratet, und freut sich herzlich, dass nicht die Sonne in Curland diesen unerhörten Fall bescheine. – Käme es auf sie an, sie würde unsere Ehe noch bis diesen Augenblick ungültig erklären. – Sie zahlt zehn Ahnen mehr, als nach Seti Calvisii Berechnung (der doch auch sein Exempel zu rechnen wusste) die Welt gestanden. O, der stifts- und turnierfähigen Frauen! – Doch, warum von ihr Auskunft, da mir noch jemand weit näher ist?
D e r a l t e H e r r hat jetzt seine Freistatt beim Herrn v. W. Seine dürftigen Umstände erforderten Beihülfe, und wer wird sich nicht freuen, dass Hermann, der nach dem betrübten Sündenfall den Apfelbaum aus seinem Garten rottete und der tugendbelobten Jungfer D e n e einen Scheidebrief erteilte, nicht Not leidet? Herr v. W. konnte aber auch sich selbst nicht besser raten, als auf diese Weise.
Hermann ging nach Minens tod krumm und gebückt, und meine Mutter fand sich verpflichtet, ihm Nahrung und Kleider zuzuwenden. Diese Sorgfalt versprach sie, so lange sie lebte, für ihn zu haben. Sie hielt mehr, als sie versprochen, und noch nach ihrem tod empfand er ihre milde, kalte Hand. In die Stelle ihrer Guterzigkeit trat das Legat der Frau v. – b –; indessen war Hermann noch nicht völlig aus aller Leibesnot