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die Hand zu reichen, und ein Glas Wein darüber umzustürzen. – Nicht das Glas, sondern die Handgabe war ein Greuel in den Augen des Herrn v. W., der aber nicht einmal aufschrie wie oben, da ich Minen an mein Herz nahm. – Wie gütig!

Ich darf es wohl nicht bemerken, dass, ausser dem wohlgemachten Pastor, wenig Leute da wären, die einen Begriff vom Zusammenhange in Gesellschaft hatten. Herr v. G. der Selige! was meinen meine Leser, war er nicht geboren, in eine Gesellschaft Geist und Ordnung zu bringen, – und selbst Waldhörnern den Kammerton beizulegen? Ich wette, Jupiter wäre unter seinem Vorsitz ein angenehmer Gesellschafter worden, und behaupte, dass in der Conversation, da wir auf seinem Gute waren, so viel Einheit, so viel Stimmung liege, dass es ein Concert heissen könnte, wenn der Kunstrichter es so erlauben will.

Wahrheiten, die jeder sieht und hört, wer kann sie aushalten? Es regnet, es hat geregnet, es wird regnen! – Wer einen Garten anlegt, muss für Schatten sorgen. Wagen gewinnt, wagen verliert. Wenn ich gehe, komm' ich weiter. Solcher Augenscheinlichkeiten drängten sich in schwerer Menge zum Vorschein; wer kann aber daran teil nehmen? Wer über Einfälle der nämlichen Art lachen? Ist's Wunder, dass sich unsere Redner geflissentlich bemühen, den gemeinsten Hut nach der Mode zu stutzen? So wasserklar waren auch die Hochzeittischreden, und das Gedicht, welches Minens gewesener Informator zusammengewürfelt hatte. Das Gedicht lief allen an Wasserklarheit den Rang ab. Ein Reim nahm die Erklärung des andern über sich. – Wie Herr und Knecht war einer gegen den andern.

E i n a l t e r Edelmann unterschied sich durch den Brauch, nach Noten zu gähnen, und hielt dabei ordentlich Melodie. Anfänglich fiel uns diese Musikneigung auf; indessen nahm Herr v. W. in eigener person seine Verteidigung über, und Hermann, der nur auf diess Kommando gewartet hatte, behauptete, dass das Gähnen die Erfindung der Cadenzen wäre, die doch heutzutage so trefflich beklatscht würden. Man bewunderte sogar die Euphonie unseres Gähnenden. Versteht sich, dass er sich desto öfter sehen und hören liess. – Herr v. W. hätte seinen so freigebigen Beifall, sobald unser Edelmann es zur förmlichen Tafelmusik anlegte, gar zu gern widerrufen; wie konnte sich aber Herr v. W. widersprechen? Freilich war er sonst die leibhafte Katachresis, eine Figur in der andern. Er war ein Trauerfröhlicher. Die Figur liess sich indessen nicht bei dem vorliegenden Fall anbringen.

Auf der Hochzeit zu Cana in Galiläa gebrach es an Wein; hier gebrach es an mehr! An etwas, das kein Wein geben kann; wenn gleich tausendmal jenes paulinische Recept: T r i n k e e i n w e n i g W e i n s , d e i n e s s c h w a c h e n M a g e n s h a l b e r , in Ausübung gebracht wird.

Darf ich noch bemerken, dass es bei der Mahlzeit, in so weit es überhaupt das Departement der Marta betraf, das sich Herr v. W. in hoher person zugeeignet, nicht fehlte an irgend einem Guten? – Wohl aber war von allem etwas drüber; ein Compliment stach überall durch! – Ist das nicht etwas drüber?

Der Cadenzgähner brachte, wiewohl in unmassgeblichem Vorschlag, H a m b u r g e r P u l v e r zum Desert; indessen fand er keinen Beifall. Herr v. W. selbst meinte, das würde heissen: Zum Busstage gratuliren.

Unter einem Märtyrer stellt man sich einen tätigen, hervorragenden Mann vor, der einen Kopf zu viel hat, oder der einen Kopf grösser wie der haus ist. Was aber den unsrigen betrifft, so war er so leidend wie möglich. Wo studirt, Herr Hauptmann?

In Königsberg.

Auch ein Collegium über den deutschen Styl?

Beim Professor – – gehört.

Das dachte ich wohl! beim Professor, Feldherr anstatt General.

Ein Märtyrer also vom Hörensagen.

Beide, Hermann und unser Hauptmann, sassen an einem kleinen Tische, der an unsere Tafel grenzte. Ich hätte sie zur Tafel gezogen, auch meine Mine hätte es, wenn es auf uns angekommen wäre.

Wegen einer aus dem Alter genommenen und auf curischen Grund und Boden verpflanzten geschichte wäre der Herr Pastor, der sonst alles wohl machte, bei einem Haar übel angekommen. Auf die schriftliche Anfrage: wie viel jährlich für einen einzigen Junker? hätte ein Hofmeister, nach der Erzählung des Herrn Pastors, h u n d e r t T h a l e r A l b . gefordert. Wir werden nicht Handelsleute, erwiderte der Edelmann, dafür halte ich meinem Sohne zeitlebens zwei deutsche Bediente, und da hat er Verstand und Dienst Noch hatte der gute Herr v. W. zwei Reden auf Die Begleitungsrede ins Schlafgemach und die Solche zehn Reden, wenn sie auch alle zehn so geden Gott schauen!

Mehr, dünkt mich, war nicht nötig anzuführen, als dass diese Schlaftrunksrede verunglückt sei, um zugleich zu bemerken, dass Herr v. W. sie selbst übernommen!

Die Strohkranzrede ausgenommen, fiel nichts vor unserer Heimführung vor, was bemerkungswürdig gewesen wäre.

Ob nun Herr v. W. wieder befürchtet, dass er seinen Mund an einen Stein stossen