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gelernt, dass die Liebe zum Leben die ergiebigste Quelle sei, Complimente zu schöpfen. – Einem Sterbenden würde er gesagt haben: Er sehe aus wie ein Hochzeiter! Wer dem kind sagt, es sehe für seine Jahre weit älter aus, und dem mann, er sehe weit jünger aus, verbindet sich beide gar höchlich. Beides ist dem Lebensdurst zuzuschreiben; das Wort Lebenshunger kann man nur im Hospital brauchen.

Hermann versicherte, dass ich mich verjüngt hätte, und da ich ihn versicherte, dass ich vom Gegenteil überzeugt wäre, so blieb er nicht nur bei seiner Meinung, sondern wusste sie so trefflich zu beschönigen, dass Tine ihm beizutreten Willens schien. Herr v. W. brachte die Sache ins Reine, und bemerkte, dass der Mensch erst in die Höhe, dann in die Dicke wüchse und im dreissigsten Jahre mündig würde. Diess ist das Jahr, da jeder redet, wenn gleich mancher noch schweigen sollte.

Herr v. W. hielt eine lange Unterredung vor der Hochzeit wegen der Kleidung mit mir, und da er wohl von selbst einsah, dass ich meiner Uniform nicht untreu werden könnte, so bemerkte er, dass bis Einförmigkeit in der Kleidung zwar was Gesetztes (ganz gehorsamster Diener!) anzeige, allein es wäre nichts Fröhliches, nichts Aufmunterndes, nichts Schönes dabei. – Immerhin! Mit den lieben Schönleuten! Ich liebe sie nicht, sie mögen Schöndenker, Schönschreiber, Schönfärber sein. Tine hatte sich ganz russisch gekleidet. Sie trug, wie sie sagte, meine Uniform. Ich zeigte ihr, wie Gretchen, die russische Art beim Negligé, ein Tuch um den Kopf zu binden. – Stchy, ein russisches Originalgericht, kam oft auf die Tafel. Herr v. W. fand es den Umständen angemessen, da ich russischer Major wäre. Kiengis (Pelzschuhe) verehrte ich meiner Braut, und sie zeigte solch eine Freude darüber, dass sie solche stehenden Fusses anzog. Sie schien sie anbehalten zu wollen. Für den Winter, fing ich an, liebe Tine! Für den Winter? sagte Tine. Ja, liebe Tine! Herr v. W., der auch diese und andere russische Trachten meinetalber grossmütigst gestattet hatte, gab seiner Tochter den Wink, dass, da nun bald der tabelnoi prasznick einfiele, sie auf ihren Brautschmuck denken sollte. So sehr ich auch Gretchens Hochzeit empfahl, so fand ich doch sein Gehör und gab gern nach. Mit den lieben Ehepakten! Ich habe sie nie recht ausstehen können; indessen war ich ihnen eben so wenig als dem Brautschmuck entgegen. Nachdem sie unterschrieben und besiegelt waren, bat ich eine Abänderung, welche darin bestand, dass ich meiner künftigen Frau Gemahlin die herrschaft abtreten wollte, in bester Form Rechtens. Zwar, fuhr ich fort, nennt Dr. Martin Luter dergleichen Männer verba anomala: allein den Herrn Dr. Martin Luter in Ehren, ich trat die herrschaft ab, und wenn ich mir ja was ausbitte, ist's, dass es nicht zu merklich sei. Ich sprach im Ernst. T i n e kam nicht aus dem lachen. Sie warf sich in meinen Arm, als ob sie mir gern huldigte. Herr v. W. und sein Waffenträger nahmen diesen Verzicht so hoch, dass sie es für das feinste Compliment erklärten, das ich meiner Braut hätte machen können. Indessen hielt Herr v. W. nach gepflogenem Rat es doch fürs beste, dass diese Abtretung nicht in Schriften verfasst würde. Ein ehrlicher Mann hält Wort. T i n e , hab' ich Wort gehalten? Ich schreibe Ja oder Nein, was du willst. schreibe Ja und Nein. Da steht's.

Zur Hochzeit hatte Herr v. W. noch einen Adjutanten gebeten. Ein Gesellschafter für Hermann, ein Märtyrer der deutschen Sprache. Dieser Ehrenmann hatte als Privatsecretär gedient, und sein Unglück gemacht, weil er durchaus nicht Herr Capitän, sondern Hauptmann schreiben wollen. Wahrlich, darum verdient er zur Hochzeit gebeten zu werden!

Diese Märtyrer-geschichte brachte den Herrn v. W. geradeswegs auf das Wort Herr, womit er so ganz wegen der zwei e r r e n nicht zufrieden schien; da ich ihm aber erwiderte, dass ein deutscher Herr und französischer Monsieur zwei sehr unterschiedene Leute wären, so gab er nach. Ein deutscher Herr ist ein Herr mit einem Zähnezusammenbiss.

Mein guter Gottard brachte einen Hochzeitgast mit, auf den niemand gerechnet hatte; er commandirte sein Corps, und war ein so toller Hund, wie er ihn nannte, dass nichts drüber war. – Stolz, barsch. – Zum Glück bekam dieser B a r s c h e einen Auftrag und konnte nicht bleiben, so dass seine Gastrolle eben nicht stark war. – Vielleicht dien' ich vielen meiner Leser, die solch ein curisches Original in meinem buch gesucht und nicht gefunden. Der Commandeur liess schiessen, wenn es donnerte, nicht um die Dünste zu zerteilen. Ein Herr begrüsst den andern, sagte er.

Den lieben Gott hat er förmlich zu Gevatter gebeten. Der Pastor loci musste ihm einen Insinuationsschein ausstellen, und den lieben Gott wirklich als Taufzeugen aufführen.

Seinen Hund machte er zum W a c k e r ! Die Bauern mussten den Hut vor ihm abziehen.

Bei der Taufe seiner Kinder musste der Pastor fragen: Wollen Ew. Hochwohlgeboren getauft werden? und beim Abendmahl: Befehlen Ew. Hochwohlgeboren auch vom andern? Seine beichte fing an: