1778_Hippel_037_464.txt

In dieser Capelle sollte Minens Bild hängen! –

Einige meiner Leserinnen werden ganz unfehlbar die Anmerkung in ihrem guten Herzen haben aufkeimen lassen, wie ich über der zweiten Ehe die erste so bald und so tief vergessen können? Freilich dachte weder Tine noch ich, von der Zeit, da wir öffentlich eins waren, laut an Minen; allein in unserm Herzen ward ihr kein Schritt von der Grenze entzogen. Ich liebte Minen in Tinen! – Das menschliche Herz ist ein wunderliches Ding. Warum vermieden wir den Namen Mine? War es, weil Tine befürchtete, ihre Vorgängerin im amt würde ihr Abbruch tun? War es, weil ich befürchtete, dass Tine dieses befürchten könnte, oder was war es?

Oft weiss der Menschenkenner, der Menschentreffer, ganz pünktlich, was der andere denkt, und lässt ihn dabei, ohne im allergeringsten etwas dagegen zu haben; sobald dieser andere aber seine Gedanken in Worte auswechselt, weg ist die Fassung! Ich vergass über Minen nicht meine Tine, und über Tinen nicht Minen. Sie waren mir eins. wunderbar! Freilich wunderbar! Was ist aber die Liebe? (Das natürlichste, was in der Welt ist). Was ist sie worden? Wenn sie köstlich gewesen, was ist sie anders, als Schwärmerei. Wir sind so weit gediehen, dass diese Schwärmerei allerliebst steht? Nicht wahr? Allerliebst!

Die erste Nacht, die ich inschlief, war's mir doch, als sprach ein Engel mit Minen über meine Verbindung. Nicht wollte er Einspruch tun, sondern über Dinge sprechen, die kommen sollten. Da kamen Rück- und Hin- und Seitensichten zum Vorschein. Mine trat mich so feierlich ab, dass ich drüber Tränen vergoss; – und endlich wurden unsere beiden Geister, Tinens und der meinige, zusammengegeben. Es soll eine Himmelehe werden, sprach ein Erzengel. – Eine Himmelehe!

Herr v. W. war ein solcher Tagewähler, dass jeder Tag, wie wir wissen, seine eigene Plage oder seine Freude hatte. So ward der Hochzeittag nach der Anlage des Verlobungstages bestimmt. – Sehr natürlich!

Wer etwas fassen will, sieht es zuerst im Ganzen, und wählt, sobald es zum Zergliedern kommt, nicht die grösseren hervorragenden, sondern die etwas versteckteren Stellen. – So mit dem Menschen. Die guten Herren, die ihn so beschrieben, wie er aus des Modeschneiders, Modefriseurs Händen kam, recht als ging er zum Ball, haben ihn wenig getroffen. Sie treffen den Puder und die Kleiderfalten. Wir sind dieselben, wenn wir in Gallakleidern sind oder im Schlafrock. – Sagt aufrichtig, haben wir nicht höchst selten den Menschen im buch gesehen? Einen Teatermenschen, schön geschmückt, als ging er zur Bühne, als wollte er sich zeigen, als wollte er populo esse spectaculo! Den Menschen mit einer gewissen Lebensart so vorzuschieben, als ein Bild am optischen Kasten – o, dergleichen Menschen ohne Ende und Ziel! – Jede Bibliotek hat Vorsetzbilder von Menschen dieser Art die schwere Menge. Die meisten Menschenmaler bilden ihn, in so fern er repräsentirt. – Eben darum, wie froh ist man, wenn ein Autor nur so tut, als wählte er die kleinern ungesuchtern Stellen, als riefe er: Adam, wo bist du? – als riss' er ihm die Feigenblattsschürze ab.

Ob ich bei dieser Tafel ins Schwarze getroffen, mögen die beurteilen, die es wollen, wenn sie können.

Herr v. W. bestand darauf, ohne dass er nötig hatte, darauf zu bestehen, weil ihm niemand widersprach, – H e r m a n n sollte zur Hochzeit gebeten werden; – und diess war die Tonangabe, dass Tine und ich wieder von Minen sprachen. Das pytagorische Stillschweigen war grösstenteils gehoben, und Mine war nicht mehr so, wie vorhin, geflissentlich vermieden.

Hermann ward einige Tage zuvor geholt, und ich fand ihn so wie ich ihn gelassen! Sein Auge zeigte indessen eine gewisse Scham über seine begangene Sünden, eine gewisse Busse. Dem Büssenden muss man nicht mehr auflegen, als er sich selbst aufgelegt hat. Da er sah, wie gut ich ihn aufnahm, so kam er zwar mehr in sein voriges Geleise, indessen blieb etwas im Auge, das man ein Cainszeichnen nennen konnte! O dergleichen haben viele!

Herr v. W., der ihn zum Adjutanten so nötig hatte, gab ihm die erforderliche Instruktion, und hiebei fiel eine geschichte mit dem Staatsringe vor, die nicht possierlicher sein konnte. Herr v. W. wollte dem Hermann diesen Ring vorstrahlen.

Schön! schrie Hermann, indem Herr v. W. die einem solchen Ringe zustehenden Ueberzüge und Bemäntelungen abzog. – Tine (die dabei stand und schon wusste, wie winterlich der Ring bezogen war) ganz nach ihrer Art: H e r r H e r m a n n , e s k o m m e n n o c h z w e i F u t t e r a l e ! – Mir fielen diese zwei Futterale, auf welche Hermann bei seinem S c h ö n nicht gerechnet hatte, so auf, dass ich laut lachen musste, allein Herr v. W. schien zu glauben, dass Hermann der Sache nicht zu viel getan, und schon im Geist etwas beklascht hätte, so wie man einem Schauspieler oft das Opfer bringt, sobald er kommt und ehe er noch den Mund geöffnet.

Hermann hatte einsehen