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völlig in pontificalibus (wie er es nannte). Der Morgen, bemerkte er, muss anzusehen sein. Diese edle Nachlässigkeit, die jedes Blatt zeigt, ehe es ausgeschlafen hat, wie schön! – Mag wohl sein, weil der Mensch wirklich nicht da ist, um auf Draht gezogen zu werden, wäre es selbst durch Arbeit. – Wie es alles dahinschlenderte! – Die Milch, noch von keiner Sonne getroffen. Alles so frisch! – Tine kam zu mir, sobald in ihrer Rolle der lange Monolog zu Ende war, und gab mir, obgleich es nicht vorgeschrieben stand, die Hand, die ich in die meinige einschloss. – Ein Handkuss würde die Sonne verdorben haben. Da kam ihre Mutter und legte sich auf meine Schulter. Selbst Junker Peter, dem der Morgen am meisten anzusehen war, fragte zweimal, wenn er mich wieder sehen würde? Solch eine Morgengruppe, ich kann sie nicht malen! – T i n e verlangte aufs genaueste zu wissen, wo ich jeden Mittag essen und jede Nacht schlafen würde.

Alles trank Kaffee, bis auf mich. Ich blieb bei Milch, die mir verordnet war. Herr v. W. würde mich ohne diese Rücksichten nicht vom Kaffee losgelassen haben. Er versicherte, dass der Kaffee so etwas Festliches hätte, dass selbst seine Farbe, wenn die Milch oder die Wäsche, wie er es nannte, gut wäre, gewiss keinen geringen Rang verdiene. Eines seiner Hauptstaatskleider war kaffeebraun, doch so, dass die gute Milch durchschien. Warum sind Bäder so nutzbar? Warum ein Frühstück so wohlschmeckend? Weil wir mit dem Morgenkleide den Menschen angezogen und den Staat nicht begrüsst haben, dessen Sklavereiuniform unser Feierkleid ist.

Versucht es einmal, ihr, die ihr so etwas zu versuchen versteht, des Morgens Abschied zu nehmen! ist es nicht rührender, wenn ein blühender junger Mensch stirbt, als wenn diess los einen Greis trifft?

Her v. W. hatte sich auf einige Augenblicke entfernt, unfehlbar auf die letzte Oelung zu studiren, und da waren wir, T i n e und ich, mit einem so herzlichen Kuss zusammen, dass kein Wort Platz fand; es wäre erstickt. Herr v. W. blieb wieder, wie Absalon, an einer Eiche hangen, nur mit dem Unterschiede, dass ich ihm zeitig zu hülfe kam und sein langes Haar losriss. – Junker Peter wollte darüber spötteln, allein weder seine Schwester noch ich gaben einen blick, geschweige ein Wort darauf.

Je weniger saiten bei einem Instrument, je weniger Luxus! Mit diesem Plan kam ich nach –, wo alles meine Erwartung übertraf. Hier, dachte ich, wirst du Ruhe atmen und wie F a b r i c i u s Rüben ernten! Weisheit cum omni causa ist so kurz und gut, dass jeder Mensch sie fassen kann, wenn er will. In den meisten Fällen hat sie aber zwei Aeste, von denen ihr einer inoculirt ist. – Gott wird uns ins Paradies helfen, wo das Einäugige verboten ist. – Das Wort: Stille! Stille! hat schon so etwas von Silberglockenton. Diese Glocke läutet zum Himmel. Ruhe ist hart gegen Stille. – Alles ist in uns, alles tun wir aus uns, und je nachdem wir bloss Sonnen- oder Jupiters-Trabanten sind, je nachdem machen wirs um uns helle oder dunkel. – Was will man mehr, als sich? – Das ist Eigenliebe, die Gott wohlgefällig ist. Sie ist die Liebe im ganzen Umfange; denn wahrlich, der Nächste kommt dabei nicht im mindesten zu kurz.

Ich richtete alles nach dem mit Tine verabredeten Risse ein, wovon ich ihr auf der Stelle getreuen schriftlichen Bericht erstattete. Viel Anlage zum Garten; Bäume und wasser, das die Bäume unvermerkt belauschte. Wie ich über diess alles fröhlich und guter Dinge ward! Da stellte ich mir so lebhaft vor, was da noch alles werden sollte; und das ist immer schöner, als was schon da ist.

Zwei meiner Nachbarn waren Leute, mit denen es der Mühe verlohnte umzugehen. In Rücksicht der andern, die mich begrüssten, war mein Entschluss gefasst, dass es beim Begrüssen verbleiben sollte. Einer von den Auserwählten behauptete, noch nie ein Glas Wein allein getrunken zu haben. Ich weiss nicht, ob man ein besseres zeugnis eines guten Herzens für sich haben kann. Der andere Auserwählte stritt sich mit einem der bloss Grussnachbarn wegen der schlechten zeiten. Die Klagen über die schlechten zeiten sind so alt, wie die Zeit, sagte der Auserwählte, und der Grussnachbar fand, dass diess nicht klappte, und sah es sogar als einen Anstoss an. Es wurde nun zwar alles auf eine Art beigelegt, dass niemand darüber aus der Welt ging; wer sollte aber denken dass der Grussnachbar bei einer Sache etwas Befremdendes finden sollte, die bekannt, wie ein Kind im haus ist? – Der Koch wird vom Geruche satt, sagte der Auserwählte in der Stille zu mir. Schickt euch in die Zeit, erwiderte ich, denn es ist böse Zeit. Der Auserwählte hatte diesem händelsuchenden Grussfreunde ein Anlehn, wie Rechtens, abgeschlagen, und diess war die Ursache, dass er ihm so unzeitig auf's Wort merkte.

Den ersten Platz, den ich in meinem haus aussuchte, war eine Altarstelle für Tinen, ein Betkämmerlein, eine Zelle für diese Beterin! – – und von dieser Einrichtung ging ich zu der andern über.