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Rechnung des Freiheitstriebes gehört, der überall ausschlägt und schöne Zweige zeigt.

B r u d e r ! sagt' ich ihm, von Anbeginn ist es so nicht gewesen! – Vortrefflich fiel Herr v. W. ein, bis auf das Wort: B r u d e r , das ihm, wie er sagte, zu kahl, zu entblättert da stünde! – Wenn nur nicht unsaftig, erwiderte ich. Gern hätt' es Herr v. W. gesehen, wenn Gottard und ich das D u gestrichen; allein das ging nicht, und da ich den Herrn v. W. versicherte, dass nur Gottard und Darius meine Dus waren, die ich in der Welt hätte, und dass ich selbst meine beiden Kriegskameraden, die bei Bukarest im Herrn ruhen, nicht Du genannt; so begab er sich. Froh legte er unsere hände in einander und sprach: Was Gott zusammengefügt, soll der Mensch nicht scheiden! – Und nun nahm er mich allein. Gelt, fing er an, zum Eherat würde ich den Herrn v. G. nicht vorschlagen? Und ich nicht nehmen, war meine Antwort.

E r . Sie lieben Tinen!

I c h . Herzlich!

Er. Einzig?

I c h . Bis in den Tod.

Griechen und Römer, fing er zu uns beiden an (im Wiederhall des Festes der Deutschen), wo ist jene edle Einfalt, die, wenn gleich sie geradezu ging und mit Gott und mit Menschen gleich sprach, doch so viel Feinheit anbrachte, dass man kein Du merkte, so wie es noch in keiner wohlgesetzten Poesie zu merken ist! Ist wohl eine neuere Sprache ohne Erbsünde? Was lästert ihr Nachbaren über unser Hoch- und Wohlgeboren, Hochedelgeboren und Hochedlen, da doch auch ihr: Ew. Majestät wird erlauben, Ew. Excellenz denkt zu gerecht, sprecht? Wie man da von hinten kommt! Wie ein Politikus! Wo ist eine Sprache, die nicht dergleichen Flecken oder Runzeln, oder dess etwas hätte? – (Mir fiel das Wort Monsieur aus dem Garten Eben des seligen v. G. ein.) Utinam viveret!

Ich nahm das Wort und bemerkte, dass die Deutschen Ew. Durchlauchten, Hochgeboren, Hochwohlgeboren, Hochgelahrten, Hochbenamten, Hochweisen, Gestrengen, vielleicht als eine Satyre über die andern Sprachen auf- und angenommen! Wie! fiel mir Herr v. W. ein, so würden Sie auch mich nicht für einen höflichen Mann gelten lassen, sondern für einen Swift über die Höflichkeit halten? Ich bückte mich so, dass Herr v. W. völlig mit mir ausgesöhnt ward, und da er nicht lange darauf anfing:

Lieber Major, Ihre Meinung, als wäre die deutsche Sprache eine Satyre über andere Sprachen, s t i e ss m i r s o a u f ; so erschrak er selbst über den harten Ausdruck: stiess mir auf, dass Herr v. W. sich selbst aufstiess. – Es hob sich Credit und Debet und wir waren eins.

Die Verlobung kam dem Herrn v. W. sehr hoch zu stehen. Umstände verändern die Sache. Ein anderes übers Evangelium, ein anderes über die Epistel! – Wir sahen ihn so oft allein und mit sich selbst zu Rate gehen, wobei wir, die Wahrheit zu sagen, nichts an Rat verloren!

Unausstehlich würde es meinen Lesern sein, wenn ich ihnen die ganze Procession dieses Verlobungsfestes erzählen sollte. Nur ungesuchte Züge, wie sie fallen!

Gern wollte Herr v. W., dass ich auf Knien Ja sagen sollte. Es war ihm so etwas Ritterliches, so etwas Altadeliches drin. Da ich ihm indessen das Ungewöhnliche zu Gemüt führte, so mancher Missdeutungen erwähnte, welche hiedurch zum Vorschein kommen würden, liess er mich auf den Füssen, nachdem er von mir das Versprechen abgenommen, meiner Prinzessin diese schuldige Ehre inter privatos parietes zu erweisen.

Bei so viel natur, die bei der Verlobung herrschte, in so weit sie zum Departement der Frau v. W. gehörte, stach die Unnatur des Herrn v. W. so ab, dass man keine Abstufung sah, sondern hier gleich und eben ging, und dort auf dem Sprunge war!

Unter andern war Herr v. W. so parfümirt, dass jeder einen Schlagfluss befürchten musste, der ihm zu nahe kam. Zwar duftete er jederzeit, noch nie aber so, wie heute. – Kurz vor der Ceremonie hatte er sich so wohlriechend gemacht.

Junker Gottard konnte nicht umhin, darüber ein Wort zu verlieren, allein Herr v. W. führte ihn an Stelle und Ort, indem er ihn belehrte, dass Christus der Herr selbst für wohlriechendes wasser gewesen, indem er sich von einer Dame mit eau de Lavande besprengen lassen.

Die Verlobung fing mit einer R e d e an, die Herr v. W. übernahm, indessen schloss er dabei, wie bei der Redeübung am fest der Deutschen, zu kurz. Sein Allerseits nach Stand und Würden H o c h w o h l g e b o r n e V e r s a m m l u n g verlor keine Sylbe, und eine Träne, die ihm allemal zu Diensten stand, wenn ihm ein Wort versagte, bewegte mich so, als ob er zum erstenmal geweint hätte. Wir sagten, ohne dass wir gefragt wurden, Ja, und küssten einander so herzlich, dass jeder glaubte,