1778_Hippel_037_454.txt

und ihn zu seiner Zeit in die arme seiner kleinen Braut gesund zurückbringen wolle! – Und das war nur ein teil, der kleinste, von seiner Schwiegervaterempfindung.

Junker Gottard war's nicht? Warum nicht? Daran wird weniger liegen, als an der Frage: Wer es denn sonst gewesen? Ich will versuchen, beide Antworten unter einen Hut zu bringen.

J u n k e r G o t t h a r d hatte in Göttingen und Königsberg so wenig Aufmunterung zur heiligen Ehe gefunden, dass ihm vielmehr seine T r i n e je länger, je schmucker vorkam, und was ihm den Rest gab, kann wohl die Art gewesen sein, wie T i n e v. W. ihm bei seiner ersten Aufwartung begegnete! – Herr v. W. mit offnen Armen. Frau v. W. reicht' ihm die Hand. Tinchen benahm sich dabei so, als wenn sie nur zum Zusehen da wäre! – Erbarmung, diess Mittelstück der Liebe, wenn Erbarmung rechter Art ist, sieht aufs Unglück, nicht auf die person; und die Liebe? Sagt ihr, die ihr geliebt habt, hat nicht jede Liebe einen Götzen, den sie anbetet? Idol, oder Ideal, ist hier nicht weit auseinander. Alexander bringt das Bild seiner Mine auf die Welt, und Mine das Bild Alexanders. Die Sinnen bringen nur auf etwas, was schon da ist. Sie decken nur den Tisch, um die fertigen Schüsseln aufzutragen, und noch jetzt, wenn gleich die Eheangelegenheiten ihre sieben magern Jahre angetreten, gibt's doch noch Adams- und Evasehen.

Junker Gottard empfand, dass er gekommen, gesehen und nicht gesiegt hatte, und ging gerechtfertigt in sein Haus! – Er sah ein, dass hier keine Aussicht für ihn wäre, wenn er mit gutem Gewissen verfahren sollte, und es kostete ihm wenig Mühe umzusatteln, um aus seiner Sprache ein Wort anzubringen. Ich glaube, dass er nie mit dem ernsten Gedanken zu Tinchen gekommen, seine alten Rechte geltend zu machen, und da er fand, dass das wasser im Teiche Betesda sichtbarlich nicht für ihn, sondern für einen andern bewegt ward, hoffte er nach der Liebe, dass, wenn ihm ja nach der Eheklause eine sehnsucht anwandeln sollte, ihm sein Kämmerchen nicht fehlschlagen würde.

Tinchen und Gottard fanden bei diesem Auftritte vollkommen ihre Rechnung; nur Tinchens Vater und Mutter waren nicht sonderlich erbaut, welches Gottards mindester Kummer war. – Ein Glück für Junker Gottard war es (denn sonst würde ihn Herr v. W. mit Höflichkeit verfolgt haben), dass er bei dieser gelegenheit alle Regeln der Höflichkeit gegen den Herrn Schwiegervater übertreten. Kein Wunder, dass er diesen Ehrenmann, der mit seiner Tochter nicht verlegen war, in Harnisch jagte, und dass die fehlgeschlagene Hoffnung dem Herrn v. W. keine Minute verdarb! – Fast hätte man glauben sollen, Tinchen und Gottard hätten sich aus blosser Liebe verlassen, so schien es, da sie sich einander los waren. T i n c h e n legte indessen ein Jahr nach dem andern zurück, und was noch mehr ist, so war sie so sehr in sich gekehrt, dass die Eltern ihretalben fürchteten. Es kann sich wohl auch ein Dr. Saft mit einem Heiratsrecipe obenein gemeldet haben, worauf um so mehr Rücksicht genommen ward, als e i n L o r c h e n , wie schon erwähnt worden, in der Gegend sich so herabgesetzt, dass sogar Tinchen nicht mehr Lorchen genannt wurde. In dieser Lage ward Tinchen von einem reichen Junker gesehen, der nicht aus dem land gekommen war. Auge auf, Beutel auf, sagte Herr v. W., und interessirte sich fast gröblich für diese Heirat. Herr v. W. bewies, dass, wenn gleich die Höflichkeit zu allen Dingen nütze wäre, das Geld ihr nur etwas weniges nachgebe, und da er Festlichkeit mit der Höflichkeit paarte, wie sie denn sich gegen einander wirklich verhalten, wie Mann und Weib, so war es sehr natürlich, dass er das Vermögen des reichen Junkers in eine der Sache gemässe Erwägung zog. Tinchens Freier unterstützte den Mückenhelden mit Vermögen zu allerlei Vergnügungen, und dieser ihn mit Empfehlungen im väterlichen haus. So hoben sich die Brüche, und selbst die gute Frau v. W. war, wie wir gehört haben, eben nicht wider diese Heirat.

Tinchen allein sah die Sache von einer ganz andern Seite an. Sie wollte nicht fremdes Feuer auf einen Altar bringen, der einem unbekannten Liebhaber geweiht war, und eben in dieser Rücksicht sielen ihr tausend Dinge an ihrem Liebhaber auf, die andere Leute nicht bemerkten. Selbst ihre seine Mutter nicht. Die Liebe entschuldigt, die Abneigung tadelt allesund wahrlich, Tinchen hatte nicht Ursache, bei dieser Tadelsucht sich anzustrengen. Tinchens Werber, Herr v. K., damit ich den ersten Buchstaben gebe, hatte sich nicht bloss auf eine schmucke Trine eingeschränkt, sondern auf jedem seiner Dörfer und Vorwerke war eine dergleichen schmucke person, die er begnadigte (ein lettischer Ausdruck, den ich nur sehr unkräftig verdolmetscht habe). Der Mückenheld war in Absicht dreier dieser Trinchens in Compagnie getreten, wo aller Schaden auf Herrn v. K., der Vorteil aber zu wenigstens gleichen Teilen ging; juristisch L ö w e n g e s e l l s c h a f t genannt. v. K. war ein