schienen so zufrieden, dass selbst von Tinchens Krankheit nicht viel gesprochen wurde. Ein Wasserfall, sagte sie, da ich mich darnach erkundigte. Wenn man einmal auf'm Trocknen ist, was ist mehr? So schien sie mir auch wirklich! – Frisch, wie nach dem kalten Bade. Und die Mutter? Auch sie brauchte so wenig wie Luischen, meinen Hut voll wasser. Die Zufriedenheit ihrer so liebenswürdigen Tochter hatte sie hinreichend getröstet!
Von Tinchens Bruder, vom M ü c k e n h e l d e n , bin ich noch die Beschreibung schuldig. Dieser junge Mann war auf eine so höfliche Art von seinem Herrn Vater erzogen, dass nichts darüber ging. Wen er lieb hat, den züchtigt er, scheint mir noch immer die Hauptregel der Erziehung zu sein. Ich weiss, dass man es heute zu Tage darauf anlegt, durch gute Worte gute Plätze zu suchen. Wenn's nur ohne Nagelbohrer gehen wird!
Meine liebe selige Mutter schrieb meine Krankheit im vierzehnten Jahre auf die Rechnung des betrübten Sündenfalls.
E x t r a p o s t ! Die Festlichkeit und Höflichkeit, welche unser teurer Herr v. W. so brüderlich zu vereinigen wusste, floss, die reine Wahrheit zu sagen, aus der Quelle des Stolzes! – Hierin folgte der Herr Sohn dem Vater buchstäblich, und da es ihm nicht verborgen bleiben konnte, dass eben die H ö f l i c h k e i t das Wort Melchisedech war, welches seinem Herr Vater rings umher, in einem solchen land, wie Curland, übel ausgelegt ward; so machte er sich noch eine gewisse Heuchelei eigen, die weit unartiger hervorschoss, als wenn sie bloss aus der Wurzel der fest- und Höflichkeit entsprossen wäre! – In seines Vaters haus war er höflich und festlich, und zwar gegen seinen Vater; ungezogen curisch in aller Rücksicht, sobald er ins Freie kam. Alles von dieser Verfahrungsart konnte dem Vater unmöglich verborgen bleiben; indessen schrieb er diess flugs der grossen Kunst zu, s i c h i n d i e Z e i t z u s c h i c k e n . Ueberhaupt glaubte der Herr Vater einen wohleingeschlagenen Sohn in Junker Petern vorzeigen zu können, und hatte nie etwas dagegen, wenn es dem jungen Herrn einfiel, seinen Vergnügungen Tür und Tor zu öffnen. Die gute Mutter, die kein doppeltes Gesicht ausstehen konnte, weil das Gesicht das Patent des Herzens, des Gemüts ist, hörte nicht auf einzulenken; allein da war der Herr Sohn, so wie es die Zeit mitbrachte, oft höflich, wie gegen seinen Vater, oft rauh und curisch, wie mit seinen Brüdern!
Was ich einen sich immer gleichen Charakter liebe! Und wahrlich, zu diesem Gleichlaut den Menschen zu bringen, kann nicht schwer halten, wenn man ihn von der Bahn der Ausdrücke, der Worte, zu Handlungen, zu Taten, von dem Wege der Empfindungen auf den Weg der Grundsätze und der Regeln leitet! Wer kann das zu oft sagen! Wahrlich, es wäre gut, den Menschen von allen Neigungen abzuhalten, die sich nicht aus der Naturschule herschreiben! – Man lasse das Kind, wie Herr v. G., der Selige, der Meinung war, essen, wenn es hungert, man lass' es zu Bette gehen, wenn es schläfert! – Man überlass' es sich in solchen Dingen so sehr, dass man jedes Gängelband verabscheue! – Es hat gute Wege. Wenn der Finger verbrannt ist, wird man das Licht scheuen, und wenn sich das Kind den Kopf gestossen, wird es dem Fall ausweichen. – Die Erziehung geht nicht diesen, sondern einen ganz andern Weg. Man sehe doch, wie Gott den Menschen zu erziehen sich bemüht, da der Mensch sich in die Unnatur stürzte und in seinem Blute lag.
Neigungen, Angewohnheiten schränken die Macht der vernünftigen Bewegungsgründe, der Grundsätze ein, und überhaupt, was macht uns unglücklich in der Welt? Wahrlich nicht der Mangel der Sache. Der Mensch kann sich ohn' alles behelfen. Selbst ohne die Hoffnungen der andern Welt kann man Gutes tun. Der Appetit, Freunde! die Neigung zu etwas, das entweder gar nicht da ist, oder schwer erhalten werden kann, macht uns unglücklich! – Mensch, du bist ein geborner Diogenes! Lerne dich selbst kennen!
Ob und in wie weit der M ü c k e n h e l d diese Lection verdient habe, die ich ihm gelesen, sei meinen Lesern zu beurteilen überlassen!
Jetzt zur geschichte, und damit ich meinen Lesern doppelt einbringe, was sie bei dieser Nutzanwendung eingebüsst, so sei mir gleich mit der Anzeige anzufangen erlaubt, dass J u n k e r G o t t h a r d nicht Tinens Bräutigam war. Wie das möglich ist? und wie ich denn auf Trinchen und Amalchen in meiner Unterredung mit der lieben Frau v. W. fallen können? Wohlgesprochen! Aber ich frage wieder: Wie man glauben können, dass Dr. Saft tot sei? Und ob nicht jedes der Meinung sein müssen, Junker Gottard wäre der Bräutigam? Wer anderer Meinung ist, blättre das griesgrämische Gesicht des Herrn v. W. auf, da er die heissesten Wünsche seinem Schwiegersohne bei der academischen Wanderung auf den Weg gab, dass der grosse Gott ihn auf seiner Reise begleiten, seine Studia zu seiner Ehre und des Vaterlandes Nutzen segnen,