eine grosse Bedeutung! – Herr v. W. wollte nicht aus der Rolle weichen, und das war ihm in den Jahren nicht zu verdenken! Er hatte zu viel zu behalten, um sich völlig auf sein Gedächtniss verlassen zu können! – T o d t ! Herr v. W. tot? Was hilft der Bräutigam, wenn d i e B r a u t f e h l t ? Dieser Gedanke muss ihm, wie ich vermute, einen Stoss gegeben haben. Er war wirklich aus dem Concept, und ging zu seiner Tochter, die, wie es bald darauf hiess, i m m e r s c h l e c h t e r w ü r d e . Soll denn, sagte Herr v. W., da er aus T i n e n s Zimmer kam, aus dem Tag der Freude ein Tag des Trauerns werden? Alles lief durch einander! Die Mutter hörte ich rufen: Meine Tochter! meine Tochter! so kläglich, als die R e t t ' s und die H i e r ' s von L u i s e n , schallten sie mir, und o! was ist in solchen Fällen der Wohlstand? Das schrecklichste, was ich weiss! Wird Gottard, der eben gekommen, es nicht so machen, wie ehemals, und eher die Flinte abzuschiessen bereit sein, als seiner Kranken die Hand zu reichen?
Nach einem langwierigen, unverständlichen Mischmasch kam alles an Ort und Stelle. Der Herr Bräutigam hatte sich entschuldigen lassen. Sein Fürsprecher war Junker Peter, der Mückentodtdrücker, Tinchens Bruder, der mit feurigen Ross' und Wagen angekommen war. Man hörte es den Pferden an, dass sie bei einem Bräutigam im Dienst sind, sagte Herr v. W., und tat sehr zufrieden, dass der Herr Schwiegersohn in Rücksicht der Pferde die Etikette als Bräutigam nicht verfehlt; was aber i h n selbst betraf, o! das war ihm zu unerträglich, als dass er über diese curische Denkart seinen Unwillen nicht äussern sollen. Die stimme ist Jakobs, die hände Esau's, sagte der gute Herr v. W., ohne zu bedenken, dass er dem Jakob, den er mit den kecken Bräutigamspferden verglich, eben keine sonderliche Ehre erwies. Wie doch alles in der Welt durch Missverständnisse geschlängelt wird! Ich weiss nicht, ob meine Leser sich noch an den sonst unbeträchtlichen Umstand des vermeintlichen Todes des Dr. Saft erinnern, welchen meine betrübte Sündenfallskrankheit im vierzehnten Jahre veranlasste, und was für Kreuzwege gingen nicht aus dieser meiner Krankheit aus, bis sie alle zusammen in den zweiten Discant meines Vaters zusammentrafen:
Gott eilet mit den Seinen,
Lässt sie nicht lange weinen!
Du wirst dich so vergessen, sagte Frau v. W. zu ihrem gedrückten mann, der wahrlich seine Jakobsstimme eingebüsst hatte, dass du deinen Gast aus dem Gesicht zu verlieren im Begriffe stehst! – Gleich ein Platzregen von Bitten um Vergebung, und doch hinter diesen wieder Glossen über C u r l a n d und S e m g a l l e n , die mein Vater nicht unhöflicher machen könlichen Verlobungstage so unverrichteter Arbeit untergehen sollte, und ohne dass sie ein Enkelpaar begrüsst hatte! – Ein Trost fiel mir ein, der noch am heilsamsten anschlug! Wer Torheit mit Klugheit verbessern will, gebe ja das ganze Geschäft auf. Torheit muss Torheit heilen! Gleich und gleich! – Grossväterlicher Hochzeitstag, sagen Sie? J a d o c h , Hochzeitstag! erwiderte Herr v. W., der, unter uns gesagt, sein unhöfliches D o c h ersparen können, dessen ich mich nicht gewärtig war. Indessen ging es nicht mich, sondern seine unbedachtsamen Voreltern an, die zwar den Hochzeits-, nicht aber den Verlobungstag in die Archive von gelegt und in die Familienakten verzeichnet hatten, welches Herr v. W. bei dieser gelegenheit sehr empfindlich rügte. – Nun nahm ich mir die erlaubnis zu bemerken: Ihr Herr Vater hat auch einen Hochzeitstag gehabt? F r e i l i c h , erwiderte Herr v. W., a l l e i n w i e s c h ö n w ä r e a l l e s z u stehen gekommen, wenn an diesem T a g e – das Beilager, griff ich ein, und an jenem die Verlobung gehalten wäre? Darf ich aber Ihren selbsteigenen Hochzeitstag, weil doch die Verlobungstage in der Familie in etwas vernachlässigt zu sein scheinen, wenigstens nicht ahnenreich sind, darf ich – Herr v. W. merkte auf und begriff, wo ich hinaus wollte; er schien sich zu fassen, obschon er nicht umhin konnte, dem Worte Beilager einen Brandmark zu geben, und, wie er sagte, mich höchlich zu bitten, zur Ehre der Deutschen diess Wort bis aufs Blut zu verfolgen; welches ich ihm, um seinen patriotischen Absichten nicht den Weg zu vertreten, versprach!
Tinchen genas, und die Familie versammelte sich zu einem zwar etwas spätern, allein desto einträglicheren Mittagsmahl, aus welchem indessen zwei Schüsseln, nach Anordnung des Herrn v. W., ungegessen abgetragen werden mussten, weil, wie er sagte, sie origetenus Verlobungsgerichte wären. Die eine war, dünkt mich, Kälbermilch. Herr v. W., um nicht die Regeln der Lebensart zu übertreten (er verzieh mir den harten Beilagerausdruck), verbiss seine Bitterkeit. Die Frauenzimmer