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: G e s e g n e t s e y s t d u d e m H e r r n , vorüber, bis wir eingehen zum ewigen himmlischen Reiche, das bereitet ist denen, die Gott lieben!"

Wir schieden sehr still von einander! – Die versammelte Gemeinde näherte sich (alles in gewissen Tempos) zu den Knieen des Herrn v. W.; die Frau v. W. wünschte bloss eine gute Nacht. Das fräulein Tinchen sahen die Leute so an, als dächten sie, schön gebetet! – Niemand rührte sie an, als wäre sie ein Engel Gottes, den niemand tasten kann!

Was meinen der Herr Major, sagte Herr v. W. zu mir, das Forte piano und pianissimo weiss meine Tochter zu halten. O des Erzcomplimentisten, mit seinem Forte piano und pianisimo.

Ich konnte die Nacht kein Auge schliessen. War es Wunder?

Tinchen, wie ihre Mutter des andern Tages versicherte, hatte eine noch ärgere Nacht gehabt! Die Nacht vor der Verlobung, ist sie nicht wirklich, wie meine Mutter bei gelegenheit ihres Romans, den sie mit meinem Vater gespielt, sie nennet, eine arme Sündernacht?

In welcher Nacht ich lag so hart,

Mit Finsterniss umfangen.

Ich weiss nicht, was mir war! Schlafen konnte ich nicht, gewacht habe ich auch nicht!

Der Verlobungstag erschien, an welchem der Herr Grossvater des Herrn v. W. mit der Frau Grossmutter sich ehelich verbunden, und ward mit einer Feierlichkeit eingeläutet, die ihres Gleichen nicht hatte. Dass Herr v. W. mit einem dicken Fuss wegen der frisch angelegten weissseidenen Strümpfe paradirte, bedarf keiner Anmerkung.

Ich sah zeitig aus meinem Fenster, das ich öffnete. Wahrlich, ich betete, so voll war ich! Bei aufgestossenem Fenster versteht sich. Ich weiss nicht, ob meinen Lesern noch das Vaterunser beiwohnt, da mein Vater und ich im hof des Herrn v. G. ausgeschlafen hatten. Wir sahen zum Fenster hinaus, und da ich Abschied in diesem so seligen hof von ihm nahm (es war das letztemal, dass ich meinen Vater sah!), stiess Er ein Fenster mit einer Heftigkeit auf, die mir noch auffällt. "Mein Vater! mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter!"

Ist sie es? Sie ist es! Ich sah durch mein Fenster Tinen an einem Teiche mit einem Mädchen herumgehen, und immer in den Teich sehen. Sollte sie, dachte ich, da ihr Herr Aeltervater mit der Frau Aeltermutter sich ehelich verbunden, und auch sie Gottarden auf ewig die Hand zu geben in dem Herrn entschlossen ist, sollte sie da dass Andenken des Wasserfalls feierlich begehen? Und gleich unterdrückte ich diesen stolzen Gedanken! – Wir taten, als sähen wir uns beide nicht, und doch sahen wir uns beide! – und wünschten es, dass wir uns sähen!

Sie verschwand!

Eine feierliche Stille im ganzen haus! Mehr als ein Pianissimo!

Bald hätte ich zu bemerken vergessen, dass Herr v. W. mir des Abends das Geleite gegeben und des Morgens früh nach meinem Wohlsein sich erkundigen lassen. – Frühstück ward jedem in sein Zimmer gebracht, und es kann Zehn gewesen sein, da Herr v. W. zu mir kam in vollem Staat und mir die Visite gab. Es ward mir auf den Aermel geheftet, dass ich sie ihm wiedergeben müsste; das tat ich, und nun war bis zum Verlobungsmittag alles nach Ortsgebrauch berichtigt!

Man gab mir zu verstehen, ob ich nicht Luft und Liebe hätte, das Verlobungszimmer anzusehen. – Ich hatte nicht Luft und Liebe! – Da ich indessen merkte, dass diese Anregung höheren Ortes sich herschrieb, ging ich und fand ein Zimmer, wo ein Sopha stand, carmoisinrot beschlagen, darüber Grossvater und Grossmutter so unaufgeräumt gemalt, dass es mir vorkam, als wäre diess gute Paar unwillig, dass man sie aus dem Schlafe störe.

Man öffnete zwei Flügeltüren, und ich fand eine solche allerliebste Uebereinkunft, dass es schien, als freuten sich die Zimmer, dass sie einander sähen. Man sah es recht, dass eins ins andre kam! Wenn eine Saite angeschlagen wird, tönt die andere, falls die Instrumente gleich gestimmt sind. Ueberall fand ich die liebe, liebe Frau v. W.

Schwerlich, dachte ich, wird es Junker Gottard so empfinden, als ich!

Es war alles bereitet, und niemand fehlte, als der Bräutigam. Freilich bei der Verlobung ein wichtiges Stück! Da rasselte ein Wagen! und da lief alles, was nur von Domestiken laufen konnte, auf den Posten. Herr v. W. war nicht Willens, seines Schwiegersohns halber die letzte Stufe der Treppe zu beschreiten, um den Ankömmling entgegen zu nehmen; denn vorerst war er der Schwiegersohn, sodann verstand er nicht, was heiliger Abend war, und selbst an seinem Ehrentage hatte er viel zu lange auf sich warten lassen.

Wo sind denn die D a m e n ? schrie Herr v. W., der in seine Rolle gesehen hatte. Sie hatten sich noch nicht sehen lassen, ausser dass ich Tinchen am wasser erblickte.

So erschrak Luise nicht über den unzeitigen Flintenschuss, als ich, da ich hörte, T i n c h e n w ä r e w i e t o d t . – Ich hörte das W i e nicht, und doch hat ein dergleichen W i e