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ankommt, heraus! ihr Herren! wenn ihr Herz habt! Mir gefällt jener Deutsche, der, wie alle seine Landsleute, nie allein trank. Wenn dieser Biedermann keinen hatte, mit dem er Gläser anstossen konnte, nahm er sein Stammbuch und leerte Seite vor Seite aufs Wohl seiner Freunde sein Glas! – Dass es dir wohlbekomme, ehrlicher Deutscher!

Der Engländer vergräbt alles in sich; zuweilen gräbt er es auf, um diesem oder jenem toten den Ring vom Finger zu ziehen. Man sieht aber fast immer noch am Ringe ein Stück vom Finger!

Noch eine sehr feine Bemerkung, die Herr v. W. machte, ihm zum immerwährenden Andenken.

Man sagt: mein Röschen. Niemand mein Nelkchen! meine Lilie! meine Hyacinte! Da sieht man doch, dass jedes Ding sein Hochwohl- und Hochedelgeboren hat, wenn man es nur nimmt, wie es zu nehmen ist!

Möchten Sie doch, liebes Tinchen, glücklich in Ihrer Ehe sein! Wer Sie nicht auf Händen trägt, verdient keine Hand zu haben? – Junker Gottard hat zwei hände.

Wir standen von der Tafel auf. Ich sprach mit Tinchen; allein ohne dass sie und ich an ihren morgenden Verlobungstag dachten!

Wie kam das? Um vieles hätte ich sie nicht daran erinnern können.

Herr v W. hatte die Gewohnheit, alle Abende mit seinen Leuten eine Betstunde zu halten. Es war, wie er's nannte, ein schuldiger Gottesdienst! Die Frau v. W. sagte mir diese Gewohnheit mit einer so herzlichen Art, dass ich diese Abendstunde um vieles nicht verlieren wollte. Herr v W. legte es, da die Betglocke geschlagen, so geflissentlich an, mich eben so gern hinaus zu complimentiren, als ich bleiben wollte. Endlich kam es zum Wortwechsel. Warum wollen Sie sich incommodiren? fing er an, als ob das Gebet eine Beschwerde wäre, als ob es den Herrn v. W. anginge. Ich liess nicht nach und fand, dass Herr v. W. durchs Gebet mit dem lieben Gott complimentirte, und offenbar bewies, dass er das Gespräch nicht angehört, welches zwischen meinem Vater und dem Herrn v. G. bei der Ankunft inin dem haus des Herrn v. G. vorfiel.

Wir gingen in das Betzimmer, wo auch, wenn das Wetter zu schlecht war, um in die Kirche zu fahren, eine Predigt gelesen ward, und Tinchen nahm mit einer Unschuld, die über alles ging, ein in schwarz Corduan gebundenes Buch, und las ein Gebet mit einer solchen Herzlichkeit, dass es mir durch die Seele ging! – War es mir doch, als wenn sie Gott sähe! Meine in Andacht trunkene Seele fand in Tinchens Herzen, Mund und Händen das ganze Ideal einer erhörten Beterin!

"Du weisst, was uns bevorsteht, und wir wissen, dass du unser Vater bist! Vater, in deine hände befehlen wir unsern Geist! – Dein Geist! – lieber Vater, gibt zeugnis unserm Geist, dass wir deine Kinder sind! – Geister sind so alle zusammen verwandt, und unsere Leiber hast du durch deinen lieben Sohn an Kindesstatt angenommen. Ganz sind wir dein!"

Noch eine Stelle!

"Lehre du uns mit deiner Welt zufrieden sein, die du gemacht hast sehr gut. Lass uns nie vergessen, dass es an uns liegt, wenn sie uns nicht sehr gut ist! Wenn sie uns nicht sehr gut vorkommt! Dein Wille geschehe!"

Hier brach sich ein Tränchen, das Tine so lange zurückgehalten, hervor. Man hörte es an ihrer stimme. Gehen konnte es keiner; so weit liess Tinchen es nicht! – Wie rührend! – Jedes von uns hatte eine Träne im Auge. Herrn v. W. allein ausgenommen, der nur nach vorgeschriebenen Noten weinte.

"Dein Wille geschehe!" Hundertmal möchte ich diese Worte hersetzen, vielleicht träfe Eine meiner Leserinnen Tinchens Ton! – "Dein Wille geschehe!"

Herr v. G. der Aeltere soll gesagt haben, den Willen hat sich der liebe Gott vorbehalten, vom Verstand hat er uns ein gutes Stück abgebrochen, und als er sagte, brach er sich Brod ab, welches er, wie wir wissen, ungern schnitt!

Mein Vater ist dagegen der unvorgreiflichen Meinung gewesen, dass dem Menschen viel Willen anheimgestellt wäre, den Verstand aber hätte sich Gott der Herr vorbehalten.

Endlich haben sie sich auf den Satz vereinigt, dass der Verstand eine herrliche Gabe Gottes sei, wenn nur nicht der Unverstand seine Lobrede übernehme!

Liebhaber, hast du je deine Geliebte beten gehört und gesehen? Lieber Gottard! wie hättest du hier alles, alles vergessen, was nicht deine Tine ist, wenn du sie gesehen und gehört hättest! Wer verdenkt dem Gottfried seine Liebe zur i n G o t t a n d ä c h t i gegen Jungfrau?

Jener arme, der einen reichen Mann um Geld ansprach, erwiderte, da ihn der Reiche fragte: Gegen was für Sicherheit? – Ingrossation auf den Himmel! – Der Reiche gab ihm nichts, weil auf diese Güter schon zu viel intabulirt wäre, wie der Reiche glaubte.

Das Gebet, Freunde! ist wahrlich eine gerichtliche Verschreibung auf die unsichtbare Welt!

Dem Wille geschehe, sagte Tinchen, und die letzten Worte:

"Dann liegen wir in unserm grab und schlafen unbekümmert den süssen Schlaf des Todes, und ein Bote des Herrn geht mit einem