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(mein Vater) ein gelehrter Mann, der aber, wie die meisten Gelehrten, zu wenig Welt hatte; und wer hat sie hier zu land? Man hat hier Curland; allein nicht Welt!

Wenn immer Tag wäre und immer Nacht, so wollte ich lieber kein Mensch sein! – Freude und Traurigkeit, Sommer und Winter, das ist das menschliche Leben! Heute König, morgen tot! – Wer geht denn immer mit einem Hemde? damit ich mich dieses Wortes mit Ihrer erlaubnis bediene. Wer wechselt denn nicht im Sommer täglich? Zwar, fuhr er fort, und zog sich eine Viertelelle länger als vorhin, liegt freilich etwas Erhabenes, etwas Grosses in einem gewissen Einerlei; allein das ist nicht für jedermann! So ist Gott der Herr immer derselbe! Und was meinen der Herr Major von der schwarzen Farbe? Sie ist römisch kaiserlich! – man nenne mir aber nach ihr eine einzige Farbe, die Stich hält! – Gottes Alltagszimmer, wie oft verändert es sich! – Ich meine diese Erde! Alle Augenblicke andere Mobilien! Freilich in seinem Hauptschlosse, im Himmel, wird sich alles nach ihm richten.

Der Herr Major werden verzeihen, fuhr Herr v. W. fort, dass ich Sie mit meinen Lieblingsideen unterhalte!

Nach einigen ausgewechselten Complimenten, wobei ich die morgende Tagesfreude des Herrn v. W. sich lichterloh vermehren sah, konnte' ich mich nicht länger halten, nach dem Bräutigam der fräulein Tochter zu fragen und ein Stück von meiner Feigenblattschürze einzureissen. Wissen Sie ihn hier? erwiderte der Brautvater. Ich sollte denken, antwortete ich. Sie G a s t ? T i n c h e n s R e t t e r , erwiderte Frau v. W. Herr Major! Herr v. W. O des frohen Tages! sagte der gütige Wirt, und bald darauf: Sind Sie denn wirklich Major? Wirklich. Herr v. W. Da ich schon aus dem Rufe in Rücksicht meines Auftrags bekannt geworden und hiernächst dem Herolde meine Wirklichkeit versichert, so war die Frage f r e m d . Nebenher, was meinen meine Leser, z i e m l i c h u n h ö f l i c h ! Ich begrüsste die gute Frau v. W. mit so vieler achtung als Empfindung, nahm Tinchen bei der Hand, die sie sehr nachlässig weggeworfen, und wollt' ihr zum heutigen heiligen Abend und morgenden Verlobungstage Glück wünschen, da ich bemerkte, dass Mutter und Tochter einen geheimen Kummer hatten, der tiefer lag, als Herr v. W. ihn kurz zuvor anzugeben für gut fand! – War doch Tinchen fast so ausser sich, als wie sie ins wasser gefallen, und als L u i s c h e n : r e t t ! r e t t ! rief. O wie gern hätte ich das arme Mädchen wieder aus diesem wasser der Anfechtung gezogen, wenn es in meinen Kräften gewesen wäre! – Endlich erholte sie sich wieder, und Herr v. W. konnte nicht vor dem Bitten um Vergebung Luft und Kraft schöpfen. Fürs erste, dass er mich verkannt, sodann dass seine Frau so unvorbereitet erschien, hiernächst, dass die Braut sich so wie ins wasser gefallen aufgeführt. An die Frage: ob ich denn auch wirklich Major wäre? dachte er nicht, obgleich er billig dieser Frage wegen die erste Bitte um Vergebung anbringen sollen. Was hast denn du getroffen? fragte mich Junker Gottard, da ich mit meiner Jagdprobe so schlecht in seinen Augen bestand. Diess edle geschöpf, war meine Antwort, die ein blick auf T i n c h e n geleitete. Diese unschuldige Frage und Antwort fiel mir jetzt so sehr auf, dass ich nahe war, laut daran zu denken! Nicht wahr, Sie hätten T i n c h e n nicht gekannt, Herr Major? fragte mich die gute Mutter. Nein, erwiderte ich sehr aufrichtig. Und woran würde es gelegen haben, an Bild oder Rahmen? An beiden sagte ich, gnädige Frau. T i n c h e n war nicht gegenwärtig. – Herr v. W. hatte sich auf ganz kurze Zeit beurlaubt, und die liebe Frau v. W. entdeckte mir, dass Tinchen schon von lang her etwas in ihrem Herzen getragen; in ihrem Gewissen, fügte sie hinzu, wahrlich nicht. Sie ist so, so unschuldig, als wie sie ins wasser fiel, wie sie Ihnen den Abschiedskuss gab. Tinchen, fuhr sie fort, konnte anfänglich nicht aufhören, Ihr Lob zu verkündigen, und die geschichte mit Mine, wie viel Ehre haben Sie damit eingelegt! – Seit einiger Zeit hat Tinchen Sie und alles vergessen, mich dünkt, auch sich selbst! – Sie ist still! – tiefwas weiss ich, wie sie ist, was weiss ich, was sie ist!

natürlich!

Nicht ganz!

Sie liebt ihre Mutter, die sie verlässt.

Die sie aber im Auge behält, wenn gleich nicht an der Hand!

Gnädigste, die Hand ist bei einer zärtlichen Liebe die Hauptfache! Unter Mutter und Tochter unentbehrlich!

Sie kann es mit so manchem Lebensvorfall aufnehmen, ihre Entfernung ist's nicht.

Ihr Bräutigam ist rauh, allein bieder und gut.

Fast sollt' ich's auch glauben.

Gewiss, Gnädige, gewiss! und solch ein Mann ist behaglicher als einer, der vorerst kriecht und