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eben heute, da ich dieses schreibe) geboren ist, am Tage, da Alexander Magnus gestorben und Diogenes aus Sinope, der Alexander unter den Philosophen!

Kurz, ehe ich im hof war, befragte mich der Livreebediente, der jetzt mit Manschetten und Halsbinde völlig in Ordnung war, nach einer tiefen Bitte, es nicht auf die Rechnung strafbarer Neugierde zu schreiben, ob ich wirklich als Major gestanden, oder nur meinen Abschied als Major erhalten? Nach der Zeit erfuhr ich, dass dieser Umstand, so klein er auch scheinen dürfte, in der Etikette des Herrn v. W. einen beträchtlichen Unterschied machte. – Er lief mit der Antwort voraus, und der Herr v. W. empfing mich, einen Fuss über die letzte Stufe zum haus gesetzt. Hätte ich es weiter gebracht, würde' er den andern Fuss gefälligst nachgezogen haben! wäre ich nicht wirklich Major gewesen, würde auch der eine Fuss diese Vorbeugung nicht gemacht haben.

Ich freute mich wahrlich, den guten Herrn v. W. so fern von allen Waldhörnern zu sehen! Man sah ihm eine gewisse Zufriedenheit an, die nicht von ungefähr entstanden, sondern durch eine fröhliche Begebenheit veranlasst war. Herr v. W. war nicht gewohnt, sich ungewöhnlich zu freuen. – Heute aber hatte sein wohlseliger Herr Grossvater ein vortreffliches Geschenk von des Herzogs Durchlauchten erhalten, das noch bei her Familie aufbewahrt wurde, und in einem Porträt des Herzogs, in Gold gefasst, bestand. Morgen war der frohe Tag, da eben dieser selige Herr Grossvater, ruhmwürdigen Andenkens, sich mit der seligen Frau Grossmutter ehelich verbunden. – So sehr die gute Frau v. W. die Arten und Unarten ihres teuren Herrn Gemahls mit Stillschweigen zu übergehen pflegte, war sie doch, da ihr Herr v. W, eröffnete, wie seine Tochter an dem nämlichen Tage verlobt werden sollte, ins alte Volkslied ausgebrochen:

Als der Grossvater die Grossmutter nahm,

War der Grossvater der Bräutigam!

worüber der Herr Gemahl gewiss aus der Melodie des damaligen Freudenfestes gekommen wäre, wenn er nicht so melodiefest gewesen. Er war eigentlich nur Melodie!

Eben wie Herr v. W. den einen Fuss (ich lasse ungesagt, ob es der rechte oder der linke gewesen) nach mir ausgesetzt, war dieses herzogliche, in Gold gefasste Geschenk, welches, wie Herr v. W. sich ausdrückte, als eine Sonne dieses Tages geleuchtet, untergegangen, und ins Freudennaturalienkabinet, wie Frau v. W. es auch in einer frohen Stunde genannt, gelegt, so dass ich auch diese Gnadengabe nicht zu Gesicht bekommen. Wer wird, fragte Herr v. G., am Pfingsttazu Weihnachten: Wer recht die Pfingsten feiern will. Der heilige Abend des Verlobungsfestes war eingetreten und den brachte Herr v. G. als Brautvater mir so sichtbarlich entgegen, dass ich mich nicht entbrechen konnte, zu sagen: Man könnte aus dem Untergange der heutigen Sonne sehen, was für ein schöner Tag uns morgen erwarte! Seine Kleidung ganz fröhlich und guter Dinge. Herr v. G. sagte dem guten Herrn v. W. bei einem seiner Halbstfeste: Bruder, du bist wie ein Damenbrett gekleidet! Guter, lieber G., heute hättest du den Brautvater sehen sollen!

Ich ward ins Gastzimmer gebracht, wo ich die Hand der Frau v. W. nicht verkannte. Wie natürlich schön! – Da der Herr v. W. kein Wort an Junker Gottard dachte, den ich doch so gewiss als zweimal zwei vier den Tag vor seiner Verlobung inerwarten konnte, ging ich auch von meiner Regel ab. Zwar stieg ich nicht, wie der Herr Inspektor Darius, zu Dach; allein es war mir nie möglich, auch in gutem Sinn mich unter die Bäume im Garten zu verstecken, und mir Schürzen von Feigenblättern zuzuschneiden. Jetzt vergalt ich Gleiches mit Gleichem, tat so zurückhaltend, wie Herr v. W. es war. So gern ich also vom guten Junker Gottard und vom fräulein Tinchen ein lebendiges Wort gesprochen; so zwang ich mich doch, dem Herrn v. W. gefälligst nachzugeben, der mich unterrichtete, warum ohne weisse Strümpfe kein Gallakleid stünde. Das tat freilich mehr not, als von meinem guten Gottard reden zu hören. Beim weissen Strumpf, sagte Herr v. W., ist der Fuss dicker, beim schwarzen schrumpft er vor Ihren sichtlichen Augen ein. So wie beim langen Bart, fuhr er fort, das Auge immer trübe und klein ist, dagegen wie heiter, wenn der Bart abgenommen worden. Er stand bei dem Worte: abnehmen, lange an, unfehlbar um dem Barte nicht zu viel zu tun! Abnehmen ist ein so wohlgewähltes Wort, dass kein königlicher Bart dagegen etwas sagen könnte! – Dass mich Herr v. W. nicht kannte, war das grösste Feigenblatt, so ich bei meinem Wiedervergeltungsrecht anwendbar fand! – Von einem mann, der nie gegenwärtig ist, sondern hinoder zurückdenkt, wie kann man erwarten, dass er den Retter seiner Tochter, dem er bei der Abreise mit steifem Arm zu umarmen die Ehre erwies, da er vor ihm stand, kennen sollte? Ich fand ihn in allem wieder, das griesgrämische Gesicht nicht ausgenommen, auf das ich mich sehr lebhaft besann. Dass Sie nur ja nicht glauben, mein Herr Major, dass ich täglich in weissen Strümpfen gehe! – Alle Einerleiheit beschwert, Wechsel erleichtert, sagte mir ein gewisser Pastor