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immer wie gegenwärtig vor Augen schweben!

G o t t h a r d fand ich nicht. – Der Rechtsfreund, der wohl wusste, was eine Citation war, hatte die Tagfahrt eingehalten; ein junger Mann mit einer unbefangenen Stirn. Meine Leser würden ihm ihre Rechtssachen ohne Bedenken übertragen. Ich gab ihm eine Quittung für sich, seine Erben und Erbnehmer, wegen meiner wohlbesorgten Erbschaftsangelegenheit. Was es mir angenehm ist, eine Quittung zu geben und eine zu nehmen! – Das ist der Abschied in Rechtsgeschäften.

Eben wollt' ich den – –, der die russischen Angelegenheiten in Mitau betreibt, besuchen, da er selbst zu mir kam und mir ein Cabinetsschreiben übergab. Es entielt einen Auftrag, den ich öffentlich bekannt machen könnte, wenn ich wollte. Warum sollt' ich? Dieser Auftrag erforderte eine Reise ins Land, die ich unverzüglich antrat. Ich wollte meinem lieben Gottard von Liefland aus Vorwürfe machen und ihm die Kosten zur Last legen, mich eben dort zu besuchen, und so wollt' ich aus meiner Heimat mein Versprechen erfüllen, das ich der Frau Inspektorin in Rücksicht ihres Herrn Schwiegervaters getan. Jetzt änderten sich diese Vorsätze, und ich hatte so wenig Ursache, die Hoffnung aufzugeben, Gottard, den alten Herrn und wer weiss wen mehr zu sprechen, dass ich ihnen vielmehr entgegen reiste.

Ich hatte das Glück gehabt, dem Geschenke der Kaiserin durch den Ankauf eines kleinen benachbarten Gutes eine so beträchtliche Verbesserung zuzuwenden, dass, nach den Beschreibungen meines dortigen Geschäftsträgers, mich ein nicht völlig unangenehmer Aufentalt erwartete. In dieser Rücksicht war mir der kaiserliche Auftrag im Wege, in vielem andern Betracht aber unaussprechlich willkommen.

Ich ging ohne Anstand von Mitau nach –, und sollte nach dem mir vorgezeichneten Reiseplan inNacht halten. Meine Sache war es nie, den Herrn des Gutes zu überfallen, wo die öffentlichen Anstalten für Dach und Fach gesorgt hatten, so sehr solch ein Ueberfall auch Sitte in Curland ist. Ich ward bei einem Amtmann eingebracht, der nach vielen Complimenten meinen S c h e i n ansah und mein S e y n abfragen wollte. natürlich erfuhr der Ehrenmann nur so viel, als nötig war. Wie ich aber so wenig neugierig sein konnte, zu fragen, wer seine hochwohlgeborne herrschaft wäre, weiss ich noch bis diesen Augenblick selbst nicht. Mein Vater war ein Fremdling in Curland, und ich war so wenig zu Wurstreisen, zu Krippenritten angeführt, dass ich, wie er, in Curland gleichfalls nicht zu haus gehörte. Auch selbst jetzt hätt' ich, wie ich schon bemerkt, nur einen Durchzug gehalten, wenn nicht der Auftrag mich auf andere Gedanken gebracht. So viel nahm sich mein lieber Herr Amtmann die erlaubnis, gleich zu bemerken, dass die einzige Baronesse Tochter seiner hochwohlgebornen herrschaft morgen priesterlich verlobt werden sollte. – Da ich daran keinen Anteil nahm, vielmehr sehr zufrieden war, dieses Haus in seiner hochzeitlichen Freude nicht gestört zu haben: so verschwand mein lieber Herr Amtmann und kam mit einem Livreebedienten zurück, der sich noch die eben angelegten Manschetten und Halsbinde zurecht zog. Beide stimmten gegen einander ein Duett von Bitte an, von Sr. Hochwohlgebornen ein Nachtlager anzunehmen. Diese Art hätte mich ohne Nachfrage darauf bringen können, wo ich war. Soll ich es meinen Lesern noch besonders anzeigen, dass Herr v. W. hier sein Feuer und Herd hat? Ha, dachte' ich, nun weiss ich, warum mein guter Gottard sich nicht in Mitau eingefunden. Er hat ein liebes Weib genommen, darum konnte' er nicht kommen, und freute mich, dass fräulein Tinchen – (so ward sie seit einiger Zeit genannt, weil ein Lorchen in dieser Gegend kein gutes Lorchen war. Lorchen v. W. hatte gar viele Namen, die der Herr Vater ihr bloss aus Höflichkeit beilegen lassen) – also Tinchen und Junker Gottard ein Herz und eine Seele worden! Freilich hätte ich auf diess Duett eine Antwort auf Noten setzen sollen; allein sobald ich wusste, wo ich war, und mir Gottards Verlobung mit dem lieben Tinchen dachte, war ich unverzüglich im hof. Ich wusste., wo ich die Ehre hatte zu sein. Mein Herr Wirt und die lieben Seinigen wussten nur, dass ihr Gast ein Major sei.

Ich kann sehr kurz sein, wenn ich meinen Lesern die Gesellschaft präsentire, in die ich sie führe.

Den Herrn v. W. und die liebenswürdige Frau v. W. kennen sie. fräulein Tinchen sind wir auch im hof des seligen Herrn v. G. inne geworden. Sie hatte einen Bruder, der Mücken mordete. fräulein Tinchen liess sich Blut von Mücken abziehen und wünschte wohl zu bekommen. – Dass der einunddreissigste Julius, an welchem Benedictus der Erste, der sechste römische Papst, nicht minder Ignatius Lojola, im 65sten Jahre gestorben, in dieser Familie denkwürdig waren, gehört so füglich nicht hieher, und kann es, wie mich dünkt, meinen Lesern sehr gleichgültig sein, dass der verstorbene Junker Casimir v. W. am nämlichen einunddreissigsten Julius die ersten Zahnsprossen erhalten und acht Tage darauf Todes verblichen. Auch zweifle ich, dass meine Leser, die nicht selbst etwa wo einen Beinbruch erlitten, den Umstand so innigst beherzigen werden, dass der Mutter Bruder des Herrn v. W. gleichfalls am einunddreissigsten Julius ein Bein gebrochen. Wer wird sich aber nicht freuen, dass ich ihn daran erinnere, wie fräulein Tinchen den 18. April (