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wusste wohl, mit wem ich sprach; Gretchen hatte aufs Haar gelernt, was ein Concurs sei.

Ich habe einen sehr lieben, lieben Mann, wiederholte Gretchen von freien Stücken. Der Concurs kann ihr unmöglich hiezu gelegenheit gegeben haben. Mein Mann liebt mich, fuhr sie fort, und seine Kinder, ist gerecht gegen jedermann, und verlangt vom Glücke keinen Dreier mehr, als es ihm zugewendet. – Wir verloren ein kleines Capitälchen und zweimal haben wir in der Lotterie gewonnen, so dass sich alles ziemlich heben wird.

Es war Gretchen zu kalt. Sie zeigte bei aller gelegenheit eine schwache Brust. Wenn nur die Lindenkrankheit ihrer Mutter ihr nicht den Stoff zur Hektik eingepflanzt! Schonen sie sich, Gretchen; hören Sie? schonen Sie sich! Ein grosser teil meiner Leser vereinigt seine Bitte mit der meinigen: Schonen Sie sich!

Ich wendete mich zum Wege, aus dem wir gekommen waren; allein Gretchen zog mich seitwärts, um mir einen gang zu zeigen, der nach einem meiner Vornamen hiess. Auch einen Minchenberg gab es, wo wir uns wenige Augenblicke niedersetzten. Dass wir doch nicht Geister sehen können! sagte Gretchen. Der Graf glaubt zwar drei Seelen bei ihrem Ausflug mit einem blick erhascht zu haben. – Im Fluge, Gretchen, trügt das Gesicht am meisten. – Zum Collationiren, sagte sie, gehört Original und Copie! liebes Gretchen, erwiderte ich, reden Sie doch wie eine wahre Justizrätin.

Wir kamen zurück und fanden den Herrn Schwiegervater und Sohn noch in gelehrten Streitigkeiten. Der Justizrat sprach über die Frage: "Ob jemand mit der Todesstrafe zu belegen, der einen Missetäter eine halbe Stunde vor des Todesurtels Vollstreckung ermordet?" und der gute Prediger: "Ob es nicht billig, dass der Verleger den Titelbogen für voll bezahle, wenn gleich nur ein Blatt beschrieben sei." ist es doch der Titel!

Was meinen meine Leser von einem Sünder wider den heiligen Geist in Kupfer? Sollte nicht eine Silhouette mehr anzuraten sein?

Keinen stärkern Beweis konnte wohl Natanael ablegen, nicht mehr eifersüchtig zu sein, als eben den, dass er sein liebes treues Weib mir anvertraute. Hat der Herr Major alles gesehen? Ja, lieber Natanael, a l l e s ! Tausend Dank für gang und Berg! Ich will gleiches mit gleichem vergelten, wenn mir Gott an Ort und Stelle hilft! Gretchen war mir lieb als Gretchen, und lieb ist sie mir als Frau Natanael!

Herr Major, sagte Natanael, sie ist Minens Schülerin!

Wer kann wohl glauben, dass es nicht drei Minuten dauerte, da wir von Gretchens Milchbüdchen bis Bukarest waren!

Diessmal waren Gretchens Brüder meine Retter. Sind sie noch, fragte ich, in Poesie-Compagnie? Vier Augen sehen mehr als zwei, sagte Gretchen und lächelte. Wie Sie doch so gütig sind, fiel der Prediger ein, sich selbst an diese Maskopie zu erinnern! Denken Sie noch daran, wie ich Ihnen meine Abhandlung zum erstenmale anvertraute? Sollte ich nicht? erwiderte ich und lenkte wieder auf die beiden Compagnons ein, wovon einer in Curland Hofmeister war, der andere in dem nämlichen Ehrenamt in Preussen stand! Der Prediger empfahl mir den Curländer, wenn er wo mit v, E – s. in Collision käme! – Ich antwortete mit einem Händedruck.

Den folgenden Tag reiseten wir zum Grafen. Ich wünschte, dass Gretchen mit käme, allein ich bat sie, nicht mitzukommen, da ich wusste, dass der Geruch des Lebens zum Leben ihr lieber war. – Ich glaube je länger je mehr, weil sie die Folge der mütterlichen Lindenkrankheit selbst fühlte, und nicht fühlen wollte. Das liebe Gretchen! – Sie kam von selbst, die gute Grete. Wir fuhren alle viere! – –

Der Graf freute sich über alle massen. Ein Sterbender allein hätte ihn mehr erfreuen können. Man schrieb mir aus Königsberg, Sie wären da, sagte der Graf, und ich wäre fast in die Verlegenheit gekommen, Sie zu bitten, Ihren alten Freund nicht zu vergessen. – Desto besser, dass Sie ohne das gekommen sind.

Meinen Lesern ist es bekannt, wie viel der Graf von Künftigkeiten zu bestimmen gewohnt war. Es fiel ihm mancher Umstand wie aus dem Aermel. Wer wird denn wohl im dreissigsten oder vierzigsten Jahre wissen wollen, ob er es bis siebenzig oder achtzig bringen, oder eher sterben werde? Und wem ist überhaupt damit gedient, da Vorhänge aufzuziehen wo die Hand der Vorsicht sie wohlbedächtig angebracht hat? Warum soll man die Kunst lernen, fast immer die Zeit und Stunde zu wissen, wenn es mit dem Patienten aus sein werde? Gut, keinen medicinischen Tod zu sterben; indessen würde ich es eben so ungern sehen, wenn ich wüsste: ich sterbe und ein anderer observirt mich! Wer lässt sich gern observiren? Eben darum trifft der Maler am besten, der die Gestalt stiehlt! – Die Welt ist ein Garten im Norden, wie der Graf sagt, wo wenig reif wird. So wir das wissen, selig sind wir, wenn wir darnach tun! – Wie kommt das, dass ich Gretchen unvermerkt in Rücksicht ihres Geruchs beitrat? Ich weiss keine andere Ursache, als weil ich auch vierzig Jahre trage. Der Graf schien es selbst zu merken, dass ich den Anteil an seinen Anstalten nicht nahm, den ich vor diesem genommen. Diessmal, sagte er sehr fein, werden Sie nicht inkrank werden!