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man wohl nach diesen Datis glauben, der Justizrat habe keinen Dienstverstand? – Die Herren Rechtsgelehrten lernen die gesetz; allein selten den Menschen. Es gibt Leidenschaften, die jeder billiget, weil sie mit ihm selbst stimmig sind. Wer zürnt über den Zorn, wenn der Eifer über eine Beleidigung kommt, die ins Allgemeine geht? Ein dergleichen Eiferer heisst ein Patriot! – Trifft der Eifer einen Lehrer, der ein falscher Münzer ist, der W o r t e für S a c h e n verkauft, Schiffszwiebacke für Manna ausgibt, oder auch einen solchen, der seinem moralischen Vortrage durch seinen Lebenswandel widerspricht, dann ist dieser Eifer e i n E i f e r f ü r d e s H e r r n H a u s . Bei dieser gelegenheit, da wir dem, was ins Allgemeine schlägt, Gerechtigkeit widerfahren liessen, fing der Prediger an: Es ist so eine Sache mit dem lieben Allgemeinen! Wir wollen nur Tatsachen, die aufs Allgemeine gehen. Je allgemeiner die Benennung ist, womit man uns belegt, je weniger will man sich so benennen lassen. M e n s c h ! kann zur probe dienen. Ein allgemeiner Geist zieht in seinem Privatause gemeinhin den Kürzern.

Natanael versicherte, und auch diess war wahrlich nicht der kleinste Beweis von seinem Dienstverstande, dass er in seiner langen Praxi nie gefunden, dass ein gutdenkender Mann auf einen Dieb böse gewesen, wenn er das Seinige wieder erhalten. Wir Menschen, denke' ich, sehen es zu sehr ein, dass wir alle gleiche Rechte in der Welt haben, und danken Gott, wenn wir nur bei solchen Gelegenheiten ungeschlagen davonkommen.

Der Prediger, der noch kein Wort von seiner Sünde wider den heiligen Geist gesagt, vielmehr seinem Herrn Schwiegersohn, weil er Justizrat war, obgleich ein in Gnaden verabschiedeter, die Vorhand gelassen, holte jetzt alles ein, schlug Zinsen zum Capital, und bemerkte jedes Wort, das er in der zweiten Ausgabe dazu und davon getan. Er sprengte, da es Natanael ihm zu lang machte, übern Zaun, und der Schwiegersohn musste ihm das Wort abtreten, obgleich er Justizrat war. Man kann sich um den Hals reden, – auch um den Gedanken! – Der gute Prediger fing nicht zu seiner besten Stunde an. Gretchen kam, und ich liess den Justizrat (Gelehrsamkeit gegen Gelehrsamkeit) bei der Frage: "ob auch jemand mit der linken Hand schwören, und ob, wenn er falsch geschworen, ihm die Finger abgehauen werden könnten?" und den Pastor bei der Antwort: "dass er sehnlichst wünschte, einen Sünder wider den heiligen Geist seiner zweiten Ausgabe in Kupfer vorstechen zu lassen." Mögen sie rechten und fechten!

Gretchen und ich gingen spazieren; ein Sohn und ein Töchterchen mit uns. Eins für mich, eins für Sie! sagte die gute Hausmutter. Wer Gretchen mit ihren Kindern sah, und nicht Luft bekam zu heiraten, hatte kein Gefühl von Unschuld. Sie zeigte mir dort eine neue Anlage zum Spaziergang, hier ein vortreffliches Grasstück. – Den Acker rahden und der Gegend zur Aber lassen, wie Gretchen es nannte, oder einen Graben ziehen, überliess sie dem Herrn Gemahl; – sie nannte das Milchdepartement ihr beschiedenes teil, und nötigte mich in ein allerliebstes Büdchen, ihren Tron, wie sie sagte. Allerliebst! So schön sitzt kein Monarch, als Gretchen in ihrer Milchbude. Hier ward oft frische Milch gegessen, und die schönste Wiese, die das Gütchen vermochte, lag vor'm Auge.

Wer fehlt mir, Freund, als Mine? sagte Gretchen und weinte so sanft, als man in einer Milchbude weinen muss. Sie beklagte sehr, keine Freundin in ihrer Gegend zu haben. Allein ich habe einen lieben, sehr lieben Mann! fügte sie hinzu. Wer hätte das dem Natanael, dem Justizrat, ansehen sollen? Wenn's geregnet hat, sagte sie, wie schön ist es hier! und gab mir die Hand. Das gute Gretchen! Warum nicht alle Kinder? fragt' ich Gretchen. Gern möchte' ich mich mit diesen Kleinen ins Gras setzen! "Ich wollte mehr mit Ihnen allein sein!" Wahr ist's, drei kleine Kinder Zusammen ist wie eine grosse Gesellschaft. Gretchen hatte keine andere Gesellschaft, als ihre Kinder. Zuweilen kam der Graf, und sie waren noch öfter bei ihm. Gretchen war nicht ganz für diesen Geruch des Todes zum tod. Die Sache genau genommen, ist auch der Geruch des Lebens zum Leben, Leib und Seele gesünder. Eine person von ihrem Herzen konnte nicht anders, als tödtlich gerührt vom Grafen heimfahren. Natanael liess sie vorzüglich, wenn sie gesegnet war, nicht zum Grafen. Alles gut! sagte Gretchen, das hiesige Leben ist doch auch nicht zu verachten, und es ist Pflicht, zu geniessen und Trost zu hoffen. Was fehlt uns denn in dieser Milchbude?

Die Milch, Gretchen.

Wollen Sie?

Ich lächelte: Nein!

Der siebenmal sieben liebe Graf! – Ist denn nicht mein Stubenornat besser, hatte er jüngst zu Gretchen gesagt, als wenn ich meine Zimmer mit geilen Bildern behangen hätte, deren jedes Feuer streut, wodurch so viele junge liebe Herzen in Brand geraten? Viele lügen, sagt' ich, weil die Wahrheit was gewöhnliches ist! Der Graf ist nicht besonders, weil er es sein will, sondern weil er einen Lebensconcurs gemacht hat. – Ich