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M u t t e r erzählen, wo sehr starke Stellen darin vorkommen. Ich will meine Leser, denen ohnehin eine Todesfahrt bevorsteht, mit den nähern Umständen nicht aufhalten. – Sie starb sehr heiter. Ihr Tod war kein Lindentod. Wer nicht von dieser ihrer Krankheit gewusst hätte, würde sie in Wahrheit aus den letzten vier Wochen ihres Lebens nicht ersehen haben. Ihre Einbildungskraft war wieder eingezäunt. Ihr Auge hatte jene Wildheit nicht mehr; – es strahlte nicht, es schien nur. – In ihren Segnungen paarte sie mich noch mit Gretchen; das heisst: sie segnete mich so inbrünstig als sie, obgleich Natanael und seine Kinder hiebei nicht zu kurz kamen. Auf den Enkel Alexander legte sie beide hände, auf jedes andere ihrer Kinder nur eine. – Was sie froh war, sagte Gretchen, Minen zu sehen! – Gehe ein zu deines Herrn Freude!

Kaum hatte Gretchen diese für mich so rührende geschichte vollendet, so marschirte Natanael schon wieder zum Türkenkriege, und wollte ich wohl oder übel, ich musste erzählen. – Gretchen bestellte während des Türkenkrieges ein natürlich schönes Mahl. Bei Tische war der Justizrat nicht von B u k a r e s t zu bringen, bis ihn endlich Gretchen wie einen Türken schlug. Die kleine, liebe Russin! Sie vergoss über meine zwei liebe Kriegskameraden bittere Tränen! und mehr, als die geschichte dieser jungen Helden, wollte sie nicht. Der Prinz W i l h e l m v o n B r a u n s c h w e i g war ihr zu vornehm, um an ihm teil zu nehmen.

R e c h t e n und F e c h t e n , sing die Lose an, und zeigte mit Fingern auf Natanael. Er gleich fertig: b r u m m e n , v e r s t u m m e n ! und zeigte auf Gretchen! Ich gab dem Justizrat einen blick, als wollt' ich sagen: ich bitte, meine Mutter ruhen zu lassen in Frieden!

Was Gretchen wohl ansteht, gebührt eben einem so puderreichen mann nicht. Natanael fühlte, dass er zu weit gegangen, und ward so still, dass ich ihn selbst mitleidsvoll durch eine Türkengeschichte aufmunterte. Wer kann immer fechten; ich fing also zu rechten an. "Ich will mich selbst richten," schrieb Natanael an seinen Schwiegervater, "und den Krieg Rechtens mit mir selbst anfangen." Ein schön Stück Arbeit! Natanael hatte redlich Wort gehalten. Nie sprach er ein Urtel über andere aus. Sich selbst hielt er in Ordnung. Vielleicht fiel er eben darum auf's Politische. Durch eine Schadenfreude über die Türken konnte er freilich keinen Schaden tun. – Wenn er ja noch mit einer Beurteilung sich hören liess, so war es wider die gesetz selbst. Wider die Türken und wider die gesetz sollte wahrlich jedem Christenmenschen ein Wort zu seiner Zeit erlaubt sein.

Die gesetz, sagte der Justizrat, scheeren alle Menschen über einen Kamm! Unfehlbar dachte er ans Promemoria. Wenigstens fiel es uns allen ein, obgleich wir es nicht sagten. Der Gerechte und Ungerechte wird nach einer Form behandelt, und ein gelehrter Jurist ist der, welcher aus einer tasche nimmt, und es in die andere legt; aus der Ausgabe in die Hauptcasse! – Und unsere Philosophen, sagt' ich, was tun sie mehr? Wenn es köstlich gewesen, schlagen sie die Zinsen zum Capital. Und dann, fuhr der Prediger fort, geben sie es an einen unsichern Ort. Und dann, beschloss der Justizrat, holt der Teufel alles.

Der gute Natanael erschrak selbst über den Teufel, da er ihn citirt hatte, so wie über's B r u m m e n und V e r s t u m m e n ! Er hatte in diesen Tagen ein klein Capitälchen verloren, das er vielleicht auch, wie die Philosophen, von Zinsen gesammelt! Solch Geld soll überhaupt nicht viel Segen haben.

Warum Scheltwort wider die gesetz? sagte der Prediger. Ihr Herren habt ein gewisses Phlegma, das ihr Diensteifer nennt. Alles nur so nach dem es scheint, nichts, nach dem es ist.

Ihr Bruder! fing ich an

Ist nicht phlegmatisch von natur

Ein wahrer Menschentreffer.

Mag! allein das beste Auge wird müde! –

I c h . Und furchtsam, wenn es ein paarmal fehlgeschossen.

J u s t i z r a t h . Man hat so viel Mühe, sich selbst zu treffen, und hat sich doch immer vor der Nase!

P r e d i g e r . Aber nicht vor den Augen.

I c h . Vielleicht trifft man sich mehr, als es scheint. – Man publicirt uns das Urtel nicht. Es bleibt uneröffnet. Jeder Schelm weiss, dass er's ist, der kleine schielende Revisor so gut, wie ein anderer. – Die Justizform in England

J u s t i z r a t h . Freilich die beste! Die lieben Dicasteria. Lasst den Nachbar über den Nachbarn urteilen; so wie bei uns Soldat über Soldat, Unteroffizier über Unteroffizier, Offizier über Offizier! Wenn nur das Desertionsedikt nicht wäre! – Dicasteria sind gemeinhin Hospitäler, wo viel geredet und wenig getan wird! – kommt einmal ein grosser Kopf herein, stösst er ihn sich wund Das edle geschöpf Gottes hatte nicht Raum in dieser Herberge!

Sollte