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letzte Zank, den er mit unserm Reiter gehabt, war über die Zeitungen, die der Reiter in hohen Ehren hielt; er aber so wenig, dass er sich der verächtlichen Bemerkung bediente: er brauche sie nicht anders, als wenn beim Rasiren ein Einschnitt sich etwa zugetragen. Sie wussten nicht, sagte der königliche Rat, dass sie beide in einer Woche in die Zeitung kommen würden! – Ich konnte den kleinsten von diesen Zügen nicht ohne ganz besondere Aufmerksamkeit hören. Alles nahm ich zu Herzen. Wir erinnerten uns so manchen Streits. Der Reiter behauptete, dass nach dem neuen Testament die Zeitungen den ersten Platz verdienten, und dass eben sie die jetzige Welt vor Barbarei schützen würden. Setzen Sie den Fall: man schriebe aus –, es hätte sich da ein Gespenst hören und sehen lassen, würde man nicht gleich aus Berlin antworten: kein wahres Wort –? Die Avancements waren indessen unserm Reiter das Hauptstück, die nun freilich weniger Interesse für die Welt haben, als wenn ein Gespenst sich sehen und hören lassen sollte. Ich liess unverhohlen, dass eben der ZeitungsPanegyrist Schuld daran wäre, dass ich in russische Dienste gegangen.

Der königliche Rat hatte die abgegangenen Stellen wieder besetzt, indessen hatte er, um mir die eingebüsste Nacht nicht schuldig zu bleiben, ausser dem Stammhalter, dem Prediger, die als ordentliche Mitglieder eingeführten Männer, den Offizier, den königlichen Rat, den Professor und noch einen verabschiedeten preussischen Offizier gebeten, der als Zöllner versorgt war. Dieser Zöllner und ich sahen uns an, und wie aus einem mund, A l e x a n d e r ! D a r i u s ! Wer hätte das gedacht!

Es war im ersten Augenblick alles Du und Du. Da aber Darius hörte, ich wäre Major gewesen, beschied er sich den Augenblick, und ich hatte viel Mühe, ihn wieder an Ort und Stelle zu bringen. Benjamin? Ja er selbst? – Auch Benjamins geschichte will ich Extrapost erzählen. Wir verliessen Benjamin in einem schrecklichen Zustande.

Mine, die ihm aufgetragen, ihre Reise nach Mitau vorzubereiten, fand ihn selbst reisefertig zur andern Welt und ging von seinem Bette, betrübt bis in den Tod; Benjamin erholte sich zwar, indessen konnte er in einem halben Jahre zu keiner Fassung kommen. Man gab die Hoffnung auf, dass er je ganz zu sich selbst rückkehren würde. Endlich war er im stand, die Scene mit seiner Schwester zu verstehen, die ihm aber wegen der so langen Zeit mit vielen Zusätzen und Verstümmelungen beigebracht ward. Meister und Meisterin hatten keine Schuld an ihm. Der alte Herr hatte keine Taube seines Sohns halber versandt, und der Meister war so voller Beobachtung der Regel: was dich nicht angeht, davon lass deinen Fürwitz, dass er, um den Darius'schen Ausdruck beizubehalten, seinen Prügel viel zu lieb hatte, um ihn unter die Hunde zu werfen. Vorerst war es auf eine Heirat mit des Meisters einziger Tochter, C h r i s t i n e , angelegt. Es wird doch, sagte der Meister, keine Missheirat sein. Da aber C h r i s t i n c h e n sich unversehens so sehr verlaufen, wie Darius sagte, dass kein ehrlicher Mann sie aufzusuchen im stand war, so liessen die betrübten Eltern Benjamin ziehen in Frieden. Beim Abschiede, sagte Benjamin, lief es mir eiskalt übern rücken. Es waren sehr gute Leute. Benjamin zog nicht eher Nachricht von M i n e n ein, als bis sie tot war! – Ich ass eben, sagte er, Brod in frische Milch eingebrockt, da ich die erste sichere Nachricht von ihrem tod erfuhr, und ich hätte, so hungrig ich war, den Löffel nicht an den Mund bringen können, um wie vieles! – Auf meiner Wanderschaft, sagte er, hat mich manch harter Sturm erschreckt, o! wie manche rabenschwarze Nacht habe ich belebt, und wie oft bin ich ganze Tage gegangen, ohne einen Hüttenrauch zu entdecken! An einen Kirchenturm war ohnediess nicht zu denken.

Er kam in eine preussische Stadt, wo er dem Commandeur vorgeführt wurde! – Benjamin erschrak gewaltig, da er vom Soldaten hörte, den ihm der Offizier so süss vorpfiff! – Es ward ihm indessen alles überlassen. Eben weil er nicht gezwungen, sondern sich selbst überlassen ward, bot er sich nach vier Wochen von selbst an. Die Meisterin des Orts, wo auf kein Christinchen Rücksicht zu nehmen war, hatte ihn ohne ursache chicanirt, und nun glaubte er, sie wieder chicaniren zu müssen. Ich warf den Plunder weg, sagte er, und ward Soldat! Das Dariusspiel hat viel dazu beigetragen. Benjamin zeigte keine kleine Geschicklichkeit im Schreiben, und da er im ganzen Städtchen privilegirter Briefsteller und Berechner war, so stand er sich so vortrefflich, dass er auf Standeserhöhung dachte, die ihm auch nicht fehlschlug. Er ward namhafter Corporal. Wie war's, wenn es aus Feuer ging? fragte ich ihn. Musste gut sein! erwiderte er. Freilich hatte ich noch keine Flinte, bis auf den Tag, da ich Menschenjäger ward, losgedrückt, und ausser einem Taschenpuffer kein Knall- und fallendes Gewehr in meiner Hand gehabt; indessen fand sich alles nach und nach. Vorerst ward mir dann und wann eins angehangen, und vorzüglich habe ich meines Fusses halber manchen Spass gehabt. Kommts nicht heute, kommts morgen, dachte ich, und