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in der Nachbarschaft hat. Die weisesten Leute haben von jeher Todesbetrachtungen für Lebensregeln gehalten. Wo ist der Tod bei lebendigem leib dem Gefunden, dem Starken so nah, als im Kriege?- Wo kann man ihn mit mehr Leibes- und Seelenkraft denken, als eben hier? Ihr Weisen des Altertums, und ihr der neuern Zeit, warum habt ihr nicht über Kriegstod geschrieben? – Sie hochgeborner Todtengräber, warum nicht über den Kriegstod eine Redeübung angestellt? Weil der Krieg eine von den Künsten ist, welche die Menschen gesucht haben, die von Gott aufrichtig gemacht find! Wahr! allein auch wahr, dass jeder Weise im Privatkreise alles zum Guten lenkt, so wie Gott der Herr es pro Publico tut!

Prahle nicht, lieber Reiter! Herz haben und im Kriege sein, ist solch ein Unterschied, wie Grundsätze haben und nach Neigungen verfahrenhandeln und sich mit einem Gewebe von Empfindungen behelfen! – Jedermann, der ein gutes Gewissen hat, und sich bewusst ist eins haben zu können, kann von sich sagen: das tat ich!

Auch ich, Freunde! würde es sagen, wenn ich wirklich getan und nicht bloss gelitten hätte. Glaubt nicht, ihr Kleingläubigen, jenen Schreihälsen, jenen Zahnärzten, jenen Nachtwächtern, die nicht aufhören können. Schlachten zu malen, als wären es Taten! Der commandirende General allein hat getan; alles, was nicht er selbst oder sein Rat ist, leidet! – Mit Vielen kriegen, mit Wenigen zu Rat gehen! Wer kann mir sagen, dass ihn nicht Schauder ergriffen, wenn er zwei Heere, auftreten gesehen, und sich mitunter? Ihr, die ihr bis jetzt dafür hieltet, dass es Todesfurcht sei, habt euch, wie mich dünkt, Hintergangen, denn auch mich schauderte! Es ist eher Menschenfurcht, Mangel der Lebensart, als Schrecken des Todes! Seht einen Haufen Menschen bei einander, ist es nicht die nämliche Anwandlung? Sie ist so angreifend nicht; vorhanden ist sie. Wenn ich schwach bin, bin ich stark, könnte man hier sagen. Wenn ich allein bin, fürcht' ich mich, falls ich gesund bin, vor keinem. Junker Gottard, der sich vor dem Alexander dem Grossen im Bilde fürchtet, macht keinen Einwand. Frische und gesunde Leute sind sogar geborne Freidenker! – Ich würde sie Fleisch- und Blutphilosophen heissen. – Frische und gesunde Leute, sag' ich; denn, wenn ich einen Spötter sehe, dessen Körper wie ein zerrissenes Kleid aussteht, weiss ich, dass seine letzten Stunden zu seiner Zeit im Druck erscheinen. Wie kommt's, dass der Mensch, der doch die menschliche Schwäche kennt, sich vor nichts so sehr als Menschen fürchtet? Der Mensch hat keine natürliche Rüstung und Waffen, das, was ausser ihm ist, sich vom Halse zu halten. Nicht Element, nicht Tier kann er allein zwingen, und doch ein Kronprinz der natur. Vereinigt aber steht alles für einen Mann. Tausend Köpfe, tausend arme, sind Ein Kopf, Ein Arm! – ist es Wunder, dass er blass wird, wenn er den Feind sieht? Zwar befindet er sich auch in guter Gesellschaft; allein die Furcht sieht immer ins Weite; was nah' ist, ist vor ihren Augen verborgen! Die Furcht hat ein Perspektiv, die Hoffnung ein Vergrösserungsglas. Sonst sind sie Töchter einer Mutter. kommt man sich näher, wird man auf einander erbittert. Man schlägt, weil man geschlagen wird. Gehört denn dazu Herz? Der Lärm, der sehr wohlbedächtig erregt wird, lässt die Vernunft zu keinem Gedanken! – Man stirbt, man weiss nicht wie! Ist das ein schwerer Tod? Hunger, Durst, Hitze, Frost sind schwer; die Schlacht ist's nicht, bis auf die Invalidenfurcht, an die kein braver Soldat denkt. kommt es denn nicht in Anschlag, in Gesellschaft zu sterben?

Beim Seetreffen tut's der Wind. Bei Landschlachten sind Berge, Täler und, ausser diesen grossen Dingen, oft die unbeträchtlichsten Kleinigkeiten, die wie ein Irrlicht den Feind verführen, dass er einen Schritt rückwärts tut. Diess seinem volk nur einbilden, diess ihm nur vortaschenspielen, heisst die Schlacht gewinnen.

Der gemeine Soldat muss j u n g sein; der Befehlshaber, sagt man, alt! Ich glaube' es selbst. Nur nicht z u jung, nicht z u alt. Z i s k a commandirte und war blind. Ein Commandeur braucht nichts, als Kopf! Ein Vorurteil tut hier oft Wunder! R i c h e l i e u will zwar einen herzhaften General; allein R i c h e l i e u war ein Geistlicher. Wie kommt's, dass kluge Leute so sehr viel auf herzhafte Leute halten, und dass sie unter einander sich nicht sonderlich ausstehen? Sie sehen zu sehr ein, dass man mit dem Verstände eben nicht weit kommen kann, und wollen doch wo den Menschen stark finden! O ihr kluge, liebe, gute Herren! Lasst euch sagen, auch das menschliche Herz ist ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?

Es ist ein altes Sprüchwort: Wer zum erstenmal nach Rom reist, suchet den Schalk. Zum zweitenmal findet er ihn. Zum drittenmal bringt er ihn mit.

Ei, wenn ich das auf den Krieg beuten würde!

Ich hoffe, grosse Kriege werden abkommen; so wie man dem dreissigjährigen über einige hundert