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W e l t des Todes.

Ich will dem Grafen nicht mit Bemerkungen das

Licht halten wahrlich! ich könnte sein Schatzkästlein bereichern!

Warum aber Obst, eh' es reif ist? Warum durch's

Schwert eines Türken? Mir war es, als fielen unser t r e f f l i c h e r J ü n g l i n g und der, so ihn schlug! Freund und Feind. Der Türke, der ihm das Leben nahm, wäre wert, bei dem grab Christi auf die Wache zu ziehen, wie der Hauptmann unterm Kreuz. Was haben die Grossen, die prädicirten Götter der Erden, mehr als den Bindeschlüssel! Der Löseschlüssel ist ihnen nicht behändigt.

Weint um meinen edlen, ihr Jungfrauen im land! – Leib und Seele hätten um den Vorzug streiten können, wer schöner sei, wären sie nicht so stimmige Freunde gewesen! Wehe dem Feueranleger! Es muss Aergerniss kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniss kommt. Was trug sein Mund für mich, der endlich sank, wie unter einer Last, die ihm zu schwer ward? Blumen waren es nicht, die bald welken; Gesinnungen, die ewig sind, wie er! Ich habe dich verstanden, Edler! dein ganzes Gesicht war leserlich! Du hättest die Handvoll edles Blut nicht verschwenden dürfen. Es fiel auf kein gutes, dir wertes Land. Was kann man sich im Kriege mehr wünschen, als einen edlen Feind? Mich dünkt, diess Ziel Hast du erreicht! – Verzeih Sterbender! dass ich nur ein halbes Auge auf dich verwenden konnte! ich hatte drei Viertel hochnot für die Feinde!

Gott! wann kommt dein R e i c h ? wann wird Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen? Jeder Irrtum hat seine Schule, sein Auditorium. Keiner kann so übertüncht werden, als die idee vom Kriege. Wahrlich! ein übertünchtes Grab! Nicht meine Leser würden es mir vergeben, nicht ich selbst, wenn ich mich nicht selbst über diesen edlen vergessen hätte!

B u k a r e s t – schrecklicher Name! – war der Ort, wo auch ich den Tod fand! – ich erhielt tödtliche Wunden! – Guter Türke! ich verzeih' dir alles, auch den Stich, da ich nicht mehr den Arm bewegen konnte, der etwas türkisch war, und den du bleiben lassen können! – Sei glücklich! – Alles gab mein Leben auf. Mein andrer Lehrling starb acht Tage darauf. Sein Sterbelager war vier Schritte von dem meinigen. Für mich eine halbe Welt. Der Arzt verbot mir sogar allen Trost! Wie könnt' ich ihn aber ohne den sterben lassen? Oft wenn er lechzte, wie gern hätt' ich ihm ein Glas wasser gereicht! Könnt' ich? – Da lag ich noch ärger, als tot. So etwas, Freunde, wer kann es erzählen? Leset den Homer. Ich bitte' euch! – Ich kann nicht mehr.

So viel sei euch noch unverholen, dass ich den Sterbenden mit dem Prinzen W i l h e l m von Braunschweig am meisten aufrichtete, der ein Schwestersohn König Friedrichs war! Auch er, sagt' ich, starb im Kriege. Eben so wenig unmittelbar. An den Nebenumständen des Krieges starb er, die, so Wie die Krankheiten, ärger als der Tod sind. Ich werde auch als Held auferstehen, sagte er in einer Nacht. Wie denn anders? antwortete ich, und hatte eine Träne in den Augen. Er starb.

Was konnte ich mehr verlieren! Meine beiden Freunde! Mich selbst! Ich lag vier Wochen ohne alle Hoffnung! Ist's Sünde und Schande, in solcher Lage die Lebensschnur selbst abreissen, die ein Arzt mit solchen unaussprechlichen Schmerzen anknüpfen will? Hält die Schnur da, wo sie angeknüpft ist, am längsten, und ein eisern Band da, wo es brach, und durch Feuer und Schlag zusammengeschmiedet war? Keine dieser fragen stellten in meiner Leidenszeit mich zur Rede, Ich hatte nicht Zeit, im Allgemeinen zu fragen.

Der Civilsterbende wollte durchaus auf dem Schlachtfelde eingescharrt werden. Auch ich musste ihm versprechen, eben da den Krieg ausschlafen zu wollen. Sein Testament ist erfüllt, was ihn selbst betraf! Ich zwar wache noch; allein ein teil meines Lebens ist auf dem Schlachtfelde bei Bukarest verscharrt! Ich liege in deiner Nachbarschaft, edler Jüngling! – Deine Wünsche sind erfüllt!

R o m a n z o w , wie er gehört was vorgefallen, soll höchst zufrieden mit meinem Unterricht gewesen sein, und soll den edlen und mir eine Leichenrede gehalten haben, die kürzer und dringender gewesen, als die ungebetene des Organisten in L – bei Minchens grab. – kommt er auf, war der Schluss dieser Leichenrede, ist er Brigadier. Ich war schon seit einiger Zeit Major worden!

Wahrlich, Freunde! diess war ein Examen trotz dem beim Professor Grossvater. Was ist ein Blitz einer Hausmütze durchs Stubenritzchen gegen Kriegsblitze? – Zwar lebt jeder seines Lebens, zwar stirbt jeder seines Todes, jedem ist sein Pfund Leben und sein Pfund Tod zugewogen, wie der hochgeborne Todtengräber sehr einsichtsvoll behauptet; doch glaube ich, dass mancher diess Pfund ins Schweisstuch vergraben, und mancher damit wuchern kann. Der Kriegswucher, was meinen Ew. Hochgeboren, ist er nicht der reichlichste? Er trägt tausendfältig und zwar Leben und Tod. Kaum lebt man, wenn man den Tod nicht