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Bedenkt den Haufen Holz, und Stein, und Ziegel, und Dachpfannen, und Glas, und Kalk und tausenderlei, eh' es ein Haus wird. Steht das Haus; alles hat sechzig Fuss in die Länge und dreissig Fuss in die Breite Raum.

Je schöner aber die Rede, desto weniger behältst du. Das Gedächtniss hat keine Zeit, anzuhalten, keine Ruhe. So was Schönes kann nur die Kunst machen, wo kein Punkt, kein Komma, kein Semikolon ist. In der natur hat die Sonne selbst Flecken. Ein Dichter hat das kleinste Donum docendi, setze ihn auf einen Lehrstuhl, auf welchen du willst. Er wirst Strahlen, allein die meiste Zeit ist er umwölkt. Aratus hat ein berühmtes Gedicht über die Astronomie geschrieben, ohne dass er sie verstand. Er würde kein Gedicht, wenigstens kein berühmtes darüber geschrieben haben, wenn er sie verstanden hätte. So nachlässig der Anzug eines Dichters ist, so sieht's auch mit seinem Wissen aus. Da fehlt ein Hemdknöpfchen, da hat das Kleid einen Kaffeeflecken und an den Beinkleidern fehlt vorzüglich bei jedem Dichter was. bitte' ihn, sein Stubenfenster zuzumachen, er riegelt nichts zu, er zieht nur an. Es ist kein gemeines, sondern ein heiliges Dunkel, so den Dichter umgibt. Eine schöne Dämmerung, und nach Bewandtniss der Umstände Morgen oder Abend.

Wer vielerlei weiss, ist biegsam, wer einerlei weiss, ist stolz. Jener steht ein, wie viel ihm fehlt, dieser ist ein Hahn auf dem Miste.

Haben wir mehr Wege zur Seele als Empfindung und Reflexion? Wer diess die hohe und jenes die untere Schule nennt, hat sich übel erklärt.

Das Wohlfeile, das Schlechte dieser Erziehungsanstalten meines Vaters ist, mich dünkt, sehr auffallend; es sind alles Hausmittel (simplicia).

Allein bei alledem, lieber Vater, ist diess nichts mehr als eine gute Unterlage. Noch bist du nicht immatriculirt, und meine Leser haben von Mutterleibe ausgehen müssen, um endlich auf die Börse der Gelehrsamkeit zu kommen, wo der Cours vls. bestimmt und Dukaten und harte Taler nach der Zahl der Liebhaber gewürdigt werden. Die Herren Geistlichen machen sich in jeder Predigt eine kleine Bewegung vom Paradiese aus, und keuchen daher gemeinhin, wenn sie an die Herzen ihrer lieben Gemeinde anklopfen. Wenn mein Vater nur nicht keucht, anstatt dass er von der Leber wegreden sollte. Den Stand der Unschuld, den Stand der Sünden, den Stand der Gnaden und den Stand der Herrlichkeit wollen wir ihm verzeihen.

Die Akademien, mein Sohn (Gottlob, Land!), sind gut und nicht gut, so wie alles in der Welt. Niemand ist gut als der alleinige Gott.

Die Akademie ist das, was bei den Zünften und Handwerkern die Fremde ist.

Ich habe nie, das weisst du, der Akademie gejubelt und Lobopfer gebracht, allein auch nie habe ich mich wider sie durch eine niedergelegte Akte verwahrt. Die Wahrheit zu gestehen, wollt' ich mit dir anfänglich zum andern Tore hinaus. Es hat grosse Leute auf Akademien gegeben, obgleich Newton ein Münzmeister, Copernikus ein Domherr und Leibnitz ein Hofmann war.

Mein Vater warf die Frage auf, wer auf der Universität den Kürzern zieht, der Lehrling oder der Lehrer? Allein wenn er gleich über den Lehrer länger als über den Schüler den Kopf schüttelte, so sah er doch auf den Schüler in Seelen- und in Leibesgefahr. Professores sind, damit ihn meine Leser wieder selbst hören, Sklaven, die an Zeichen, zeiten, Tage und Jahre gebunden sind. Es sind Körper in der gelehrten Welt, die nicht ihr eigenes Licht haben, sondern die vielmehr ihr Licht gemeinhin von dem Vivat junger, roher Leute erhalten; Körper, die ihren Lauf alle halbe Jahre unselig vollenden, Uhren, die zu Ostern und Michael ausgestäubt werden. Professores sind stehende wasser, die faul werden. Ich will es, wie ich schon oft getan, kürzen, wenn auch der Zusammenhang dabei ein paar Grane einbüsst. Ein akademischer Lehrer muss, wenn er seine Kenntnisse gut verzinsen will, marktschreien und durch eine Universalpille die Leute an seine Bude locken. Die meisten haben ein Arcanum, ein Mysterium, das sie empfiehlt, wovon sie zwei Dritteile alle halbe Jahre für sechs bis acht Taler schwer Geld verhandeln, ein Dritteil behalten sie noch zurück. Man erfährt also das Ganze nicht eher, als bis es im Druck erscheint, und siehe da! kein Mensch findet das, was der Professor fand. Es ist ein gewöhnliches Compendium.

Weiss ein Professor nur einerlei, ist er ein Pedant. Seine Wissenschaft ist der Despot, der über ihn herrscht. Weiss er (und dies ist gemeinhin der Fall, weil er mit seinen Herren Amtsbrüdern oft eine Lanze brechen muss) mehr, ist's bloss so so. Das wenigste ist Wissenschaft, was wir haben, das meiste ist Mutmassung, Weg, den man gehen muss, um zur Wissenschaft zu gelangen. Es geht mit den Wissenschaften wie mit der Liebe: die verstohlne ist die angenehmste. Das Handwerk wird einem jeden so geläufig, dass er auf keine Erfindung kommen kann? Per aspera ad astra. Würden die Professores bloss von regierenden Herren bezahlt werden, so dürften die Wissenschaften zwar gewinnen, allein die Lehrlinge würden alles verlieren. Wie die Nonne den Psalter singt, würde gelesen werden. Die Lehrer würden nur auf das denken, was gedruckt werden soll. Jetzt aber die