1778_Hippel_037_424.txt

oft ist das Uneigentümliche nichts weiter, als Rost, der sich an eigenes Talent anklammert.

Das erste Wort war R u s s e n ! das zweite K r i e g ! und das dritte T ü r k e n ! So viel Worte, so viel Gewichte. Die Türken gaben den Ausschlag.

Mein Vater konnte zwar als ein christlicher Geistlicher nicht wie Aristander in dem Alexanderspiel dienen; allein wider die Türken wäre er mit Freuden als Feldpropst gegangen.

Ich fürchte, er hätte seine Bibel sehr bald mit dem Degen verwechselt. Er hatte nach seiner angestammten Milde keinen Feind in der Welt, als die Türken. Auch diese waren Feinde der Einbildung. Wäre es auf Liebesdienste angekommen, er hätte nicht ermangelt. Selbst zog er keine e r b a u l i c h e K i r c h e n g l o c k e wider sie. Meine Mutter besass eine Predigt mit d i e s e r A u f s c h r i f t , die mein Vater in seinem Bücherheere litt. – Das will schon viel sagen; was tat er denn Curland und Semgallen? und was den Türken? – Wem fällt hier nicht seine Reise ein, die er mit meiner Mutter des Abends zum grab Christi anstellte? Des Morgens, wenn beide zu haus wieder eintrafen, hatte keines einen Türken gesehen. – –

* * *

Junker Gottard hatte, nach dem tod seines Vaters, von seiner Mutter dringende Briefe, zurückzukommen. Schnell fiel ihm auf einmal seine unverkrümmte und unverkrümmte, reif wie die natur herausgegangene, wie eine Göttin ausgewachsene T r i n e ein, gegen die alles, was er in Königsberg Schönes erjagt, nur mangelhafte Kopien blieben. Was das für ein Geruch ist, sagte er mir einen Abend, wenn die Pomade auf dem Kopf und die Rose am Busen im Wettstreit sind! Nun war Junker Gottard fertig. Er sagte selbst, dass er wie aus der Pistole abgehen wollte. Unvergesslich ist mir der Abend, da die Nachricht von seines Vaters Beförderung einging. Seine Mutter hatte mir übertragen, ihm diesen Todesfall gelegentlich im Säftchen beizubringen. Er kam mir mehr als halbes Weges entgegen. Meine Vorbereitung indessen verpfuschte mir eine Scene nicht, auf die ich es geflissentlich anlegte. Er ist geborgen, fing er an. Was meinst du, Bruder, ich werde nicht alt werden? Mit diesen Worten stützte sich Junker Gottard auf drei Finger seiner linken Hand (er hatte starke Finger), und blieb so eine Viertelstunde. Jetzt sprang er auf und murmelte die Melodie: W e n n M e i n S t ü n d l e i n v o r h a n d e n i s t . Das Ende vom lied, fing er zu mir nach dem dritten Vers an, das Ende vom lied, Bruder, ist sterben. – Wir leben für nichts und wieder nichts; eins kommt zum andern, erwiderte ich; es gibt auch schöne Tage in der Welt.

E r . Summa Summarum, was ist das Leben?

I c h . Freilich, der schönste ist der Sterbetag!

E r . Gelt! es war ein Mann, mein Vater! Ich will nicht ruhmredig sein. Ich werde nie werden, was er war! –

Wahr! Bruder! ich vergesse nie ihn und den Alten mit dem einen Handschuh, den er jetzt mit Bor- und Zunamen kennt!

Junker Gottard holte sich den Kalender und brachte ganz richtig heraus, dass sein Vater an dem nämlichen Tage gestorben, da der ehrwürdige Alte zum letztenmal vom Gewächs des Weinstocks bei ihm getrunken! – E i n e S t i l l e ! –

Junker Gottard ass den Abend keinen Bissen. Er war ernst und feierlich; Gottfried ausser sich. – Beide konnten sich nicht anders nehmen, da sie herzlich betrübt waren. Gottfried weinte laut, als wollte er seinem Herrn den Rang ablaufen. Junker Gottard keine Träne!

Man entgeht mit eins, wenn man stirbt, allem, allem Elend, sagte Gottfried, und riss seinem Junker das Kleid herunter und band ihm das Kopftuch mit den Worten um: ist es mir doch, als wäre es dem seligen Herrn! –

Ich weiss nicht, ob dich oder was anders der Drükker der Flinte gewesen! – Junker Gottard weinte heimlich. Er und ich hatten die Gewohnheit, aus dem Bette g u t e N a c h t auszuwechseln, diessmal hielt es lange an, ehe sie seinerseits zum Vorschein kam! Ich hörte ihn weinen! – Spät kam die gute Nacht, und so mit Tränen versetzt, dass ich selbst bewegt ward! Ich kein Wort, wie g u t e N a c h t ! Wer sollte glauben, dass Junker Gottard, dieser rauhe Jüngling, auf diese A r t gute Nacht sagen könnte! Er schlief bald ein. Seine drei Argos, die er in Göttingen hatte, konnte er nicht freundlich ansehen. Der Selige hatte es ihm verboten. So wie sein Schmerz nachliess, so nahm die Liebe zu den Hunden zu. Sie heissen Argos, sagte er, ich nehme sie mit. Der Schmerz, sagte ich ihm, ist eine Seelenbewegung! Die deinige hatte sie höchst notwendig.

Ich gestehe es, sie war der Stockung nahe.

Fast. –

Ich kann mich nicht so geschwind auffreuen als mancher!

Desto besser, dass du geweint hast!