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. Einen gastfreien Ausdruck nahm sich Gottfried nicht übel, und kam immer mit heiler Haut davon, wenn gleich er zu weit ging. – Seine Rechtschaffenheit blickte überall durch. Jeder nahm Partei, sobald er ihm in's Gesicht sah. Da er sich im Schreiben zu üben gelegenheit hatte, glaubte er auch im Denken es weit gebracht zu haben. So geht es mit solchen Leuten, und was schadet es, dass es so geht? Man kommt oft mit Erfahrungsbegriffen weiter als mit Vernunftbegriffen. Bei jenen ist man unternehmend, nichts ficht uns an; bei diesen alle Augenblick ein Querstrich, ein Seitensprung. Die Vernunft ist nicht jeder Sache gewachsen, und kann manches Gehege nicht durchbrechen, wo die Erfahrung sich Bahn macht! – Die Baarschaft seiner Seelenkraft ergibt sich aus seinem Briefe. Ich habe den grössten teil seines langweiligen Briefbuchs abgesichelt. Was hindert er das Land? Seine Bemerkungen über Danzig gehen alle auf das Glockenspiel heraus! In Berlin hat er keine in Gott andächtige Jungfer mit ihren Morgens und Abends zu Gott erhabenen Händen gefunden. L i e s c h e n ist tot, ihr Kind hat Gottfried nach seinem Namen genannt, und das Protokoll nicht etwa eingerissen, sondern verbrannt. Noch eine Stelle finde ich in seinem Briefbuche, die lesenswert sein dürfte.

Es ist allhier Sitte, dass man d i e v o n G o t t e s G n a d e n o d e r U n g n a d e n , wie es die Leute nennen, in den Wirtshäusern zu jedermanns achtung, sonderlich denen daran gelegen, aufknüpft. Da hing ein ganzer Codex (meine Herren nannten es so) am Nagel, und es gefiel meinen Herren die Art, den Codex an den Nagel, zu hängen, worüber der Wirt selbst lachte, da man ihn darauf brachte. Sein Schwager, der das Bier zu versuchen gekommen war, hatte noch einen tückischern Einfall, den ich Ew. Wohlerwürden mitteilen will. Mein adelicher Herr tat die Frage: Nun, Ihr haltet doch diese heilsamen Verordnungen, oder von Gottes Gnaden, wie Ihr sie nennt? – Junger Herr, einer hält sie im ganzen dorf. Gott verzeih' mir meine schwere Sünden! Da fiel mir der Jüngling ein, der alle zehn Gebote gehalten hatte von seiner Jugend an. Ha! dachte ich, das wird wohl so ein Enkelchen dieses Jünglings sein, und freute mich, dass beide Herren fragten: wer? denn hätten sie nicht gefragt, so hätte ich es getan. Wer? Der Nagel, antwortete der Bauer, und sah nach oben, als ob seine Antwort auch an dem Nagel hinge.

Aus dem nämlichen Fasse des jüdischen Diogenes. Nicht wahr? Ein besonderer Geschmack darin! Es schmeckt nach dem Fasse.

Hier sagt man, schreibt Gottfried, mutterseligallein; habe es in Curland nicht gehört. Mein zweiter Herr ist gleich mit einer Erklärung da. Will es von den sechs Wochen verstanden haben, da der Mann sein Weib, wenn er sie gleich noch so liebt, allein lässt, und wo sie doch allein so selig in der Mutterfreude ist, dass sie nichts mehr begehrt. – Liese, fügte er hinzu, hat nur drei Wochen gehalten. Möchte wissen, wenn nach dem betrübten Sündenfall die sechs Wochen aufgekommen?

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Meiner Mutter Lieblingswunsch war: Gott tue wohl den guten und frommen Seelen! und so schliesse ich auch diese Beilage C. S o l d a t . Ob mein Vater den rechten Weg eingeschlagen, mich zum Soldaten zu erziehen, mögen Feldherren und nicht Kunstrichter bestimmen. Dass ich mich aber selbst nach dieser Lebensart, nur erst da Mine tot war, herzlich gesehnt, ist ein Umstand, den ich zur Steuer der Wahrheit, sonder Arglist und Gefährde, hie und da zu erkennen gegeben. Nie würde ich diese sehnsucht befriedigt haben, wenn es nicht dem Herrn über Leben und Tod gefallen, meine liebe, teure Mutter aus der streitenden Kirche dieser Welt in die triumphirende zu versetzen und zum ewigen Frieden in sein himmlisches Reich zu bringen, wo Ruhe ist. Sie warf zuweilen die grossmütterliche Frage auf: Ob es in der andern Welt zwei Geschlechter geben würde? und mein Vater, der sich in solche fragen nie einliess, brachte sie auf die himmlischen H e e r s c h a a r e n und liess das gute Weib im Stich. Sie war wirklich auf dem Wege zu glauben, dass dort nur männliches Geschlecht sein würde! Indessen erklärte sie die Spruchstellen, welche die Engel als s t a r k e H e l d e n , a l s e d l e S t r e i t e r , als Hülfsvölker der Menschen darstellten, in der Art, dass man in der andern Welt sich recht emsig bemühen würde (dem Wort: exerciren, wich sie glücklich aus), Gott zu loben! – Der Engel aber, sagte mein Vater, der in einer Nacht einhundert fünf und achtzig tausend Mann schlug? – "Das war durch eine Feldpredigt." Und der mit dem Schwerte vor dem Paradiese aufzog? fiel ich ein. Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen.

Ohne dass man wusste, ob diese vortrefflichen Worte auf den Cherub oder mich gingen.

Noch nie bin ich über etwas so stimmig gewesen, als über die Ausführung des Entschlusses, Soldat zu