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v. G. wollte sagen, Abraham war aber auch sein Oheim; allein mein Vater liess ihn nicht zum Worte, und wenn es wahr ist, dass Xantippe bei seinem tod die bittersten Tränen vergossen, so ist sie mir lieber, als die witwe von Ephesus.

Ihr Philosophen heutiger Zeit, lernt hier vom Sohne einer Hebamme und eines Bildhauers Weisheit lehren, da euch doch das neue Testament nicht kunstgerecht ist. Sokrates tat zwei Feldzüge, ward noch im hohen Alter ateniensischer Ratmann, ein Feind der Tyrannei und ein Freund seines Vaterlands. Er lehrte auf den Strassen und an den Zäunen, und catechesirte alle, die nur hören und antworten wollten, wogegen ihr nur Disputationen haltet.

Da fiel es ihm ein, dass er mit den Akademien Friede gemacht, und dass Junker Gottard und ich reisefertig wären.

Sokrates hatte an den Sophisten die grössten Feinde. Die Schriftgelehrten hetzten den Aristophanes wider ihn auf, der ihn in einem Lustspiel lächerlich machte. Sokrates sah sich auf dem Teater; allein dieser grosse Selbstkenner kannte sich nicht, obgleich die Gallerie einmal übers andere: b r a v o ! getroffen! rief, und dem Schauspieler klatschte. Wer im siebenzigsten Jahre durch Urtel und Recht stirbt, kann mit Wahrheit sagen, dass eben diess Urtel die natur schon über die gestrengen Herren Richter selbst ausgesprochen hätte. Unser Leben währet siebenzig Jahre.

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Ich würde, geliebter Leser! diese Unterredung gerne unberührt gelassen haben; allein eben jetzt, da ich dieses schreibe, verfolgen mich ein paar Sophisten, Anytus und Melitus, die Gevattern von meinem Aristophanes sind. Ein seines Triumvirat! – Gott wird ans Licht bringen, was im Verborgenen geschehen, und den Rat der Herzen offenbaren, und dann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren! Amen! Komm, o schöne Freudenkrone! Amen!

Die Umstände des Todes unseres teuern v. G. will ich nicht wiederholen. Er wollte meinen Vater, seinen Freund, an einem Sonntage beschleichen und ihn predigen hören. Er kam öfters nach der Aussöhnung zu ihm: noch nie war er einen Sonntag da gewesen. Man sagt, Herr v. G. habe in der letzten Zeit die Bibel sehr fleissig gelesen und zu sagen die Gewohnheit gehabt: Wenn man etwas herausbringen will, muss man die Bibel selbst lesen. Minens Schicksal ging dir zu Herzen, teurer Naturmann! und dein Tod erschüttert meine Seele. Da mein Vater dem Herrn v. G. Minens Begräbniss, und bei dieser gelegenheit auch vom hochgräflichen Todtengräber erzählte, konnte er nicht aufhören den Kopf zu schütteln. Zum Todtengräber hatte Herr v. G. keine Anlage. Bei gelegenheit des Herrn v. G. sagte mein Vater in der Hitze: Da haben wir Curland! – Nicht also, Pastor, sondern die Welt!

Herr v. G. stieg im Pastorat ab, und wäre bei einem Haar meiner gastfreien Mutter wegen her Mittagsmahlzeit zuvorgekommen. Sie bat eine Minute zuvor, als er sagen wollte: Diesen Mittag bin ich Ihr Gast, wenn Sie so wollen! – Er ging zur Kirche. Meine Mutter ordnete das Mahl an, und um Maria und Marta in Einer person zu sein, ging sie etwas spät in die Kirche, und um der Gemeinde kein Aergerniss zu geben, wie der Zöllner, unter den Glockenturm!

Sie kam im letzten W i r , das sie nicht umhin konnte laut mitzusingen, so dass, wenn sie sich nicht besonnen hätte, wie sie unterm Glockenturm wäre, sie eben so gut, als durch die Tür verraten werden können, da sie meines Vaters Vaterland erschleichen wollte.

Von diesem lebte Herr v. G. nur noch wenige Reihen; denn bei den Worten: n a c h d i e s e m E l e n d ! schrie er auf, sank zur Erde und ward tot aus dem Kirchenstuhl getragen. Er fiel vorwärts. Mein Vater sah den Herrn v. G. in die Kirche kommen und wie er aus der Kirche getragen ward. Sein Text war: "Römer im a c h t e n K a p i t e l , d e r f ü n f u n d d r e i ss i g s t e V e r s . " "Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst? oder Verfolgung oder Hunger? oder Blösse, oder Fährlichkeit, oder Schwert? wie geschrieben stehet: Um deinetwillen werden wir getödte den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Aber in dem allen überwinden wir weit, um dess willen, der uns geliebet hat."

Bei diesem Text dachte mein Vater so manches Wort dem Herrn v. G. ans Herz zu legen, und da er seit st geraumer Zeit nicht ist seiner Gegenwart gepredigt, es dahin zu bringen, dass Herr v. G. in seinem Glaubensbekenntnisse noch so manche Reihe streichen möchte. Wer kann auf der Kanzel mit euch aufkommen? pflegte Herr v. G. zu sagen. Ihr fragt und behauptet, und kein Mensch ist euch zu antworten und einzuwenden im stand. Nichts ist unausstehlicher, als die Metode der Redner, zu fragen: I s t ' s nicht also? Was könnet ihr dagegen s a g e n , m e i n e F r e u n d e ? Er nannte diese stumme fragen, so wie es stumme Sünden gibt.

Der gute v. G.