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Socrates primus philosophiam devocavit e coelo, et in urbibus collocavit et in domos etiam introduxit et coëgit de vita et moribus rebusque bonis et malis quaerere.
Herr v. G. nahm meinen Vater bei der Hand, als wollte er sagen: ich verstehe auch nicht Lateinisch. Sokrates, fing mein Vater an, lehrte nicht, wie die Welt entstanden, wie sie vergehen würde; er wusste nichts von der Elektricität und ihren Wirkungen; er hätte Gott dem Herrn, wenn er ihn am ersten Weltmorgen zu sich geladen, keinen Rat gegeben, wiewohl etliche – er wusste nichts von Zeit und Raum, von bester und nicht bester Welt! – Leben lehrte er um froh zu sterben! – Er brachte die Philosophie in Stadt und Haus.
Lieber Pastor! sagte Herr v. G. Sokrates lehrte den Stand der Gnaden, er brachte die Philosophie in Stadt und Haus, das heisst: er wollte alle gesetz heben und die Menschen so gesittet machen, dass sie über alle gesetz wären. Er wollte nicht Recht sprechen, sondern ohne Recht sich behelfen lehren. Nicht also?
Mein Vater liess sich nicht aus dem Concept heraus fragen. Wie trefflich sagt er der Pompadour seiner Zeit, der Teodora, da sie ihm vorrückte, dass sie ihm so manchen seiner Schüler weggeworben, er aber schwerlich einen, der bei ihr Handgeld genommen, abwendig machen würde: Dein Weg ist breit, der meinige schmal. Dein Weg geht bergab, der meinige bergauf. Die Welt aber vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.
Eine Frau hätte er nicht nehmen sollen, sagte mein Vater.
Eine Xantippe nicht, erwiderte Herr v. G.
Keine! mein Vater.
Sind sie wohl alle Xantippen? Die meinige hat, ihres schönen d a r f i c h b i t t e n unerachtet, etwas von ihr.
Die meinige keinen Zug.
Ein so hässlicher Mann, wie Sokrates, fuhr mein Vater fort, ohne daran zu denken, dass Herr v. G. kein Griechisch verstand, bei dem man fragen konnte: ε’ ι
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Σωκρατους εστι τις σιμωτερος, band es mit zwei
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Frauen an; war das ratsam? Ein Mann, der zu den Füssen der D i o t i m a die Kunst zu lieben und zu den Füssen der Aspasia die Kunst der artigen Beredsamkeit gelernt, musste sehr leicht solche Ehefehler begehen! Wer hiess ihn denn hier Unterricht nehmen? Kein Weiser muss von einem weib lernen. Wer eine Mamsell gehabt, behält etwas Mamsellähnliches, wenn gleich er Feldmarschall wird. Das ganze schöne Geschlecht lehren, das kann der Weise! Sokrates hätte freilich das, was ihm am Körper abging, durch Seele in Rücksicht seiner Weiber ersetzen können und sollen. Tat er es denn nicht? Wer weiss es. Ist es denn so unrecht, dass er gesagt hat: τους μεν α
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’´νδρας τος πολεως νομοις δε πει εσ αι
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` ι ~ ′ ’ ~ ’ τας δε γυνακας των συνοικουντων ανδρων η εσι;
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Ist denn nicht der Mann der Gesetzgeber seines Weibes? Was kann ein Weib ohne Mann? Wäre ich Sokrates gewesen, würde ich freilich meine Philosophie im eigenen haus zu üben angefangen haben: wer singt indessen nicht den andern Diskant, wenn die Frau Zeit und Stunde trifft und das rechte Lied? Liess denn Sokrates sein Haus ohne Unterricht? Brachte er nicht Freunde ins Haus, ohne ein Dresdener Service und ohne zu den ersten Leckerbissen seiner Frau Geld gelassen zu haben?
Ich weiss, sagte Herr v. G., da kam er einst mit dem E u t h y d e m u s vom Fechtboden; die Frau Professorin, anstatt den Tisch zu decken, kehrte ihn um und um. Eutydemus, ungewohnt, gegen Weiber seine Stärke zu zeigen, wünschte vor Tische, eine gesegnete Mahlzeit. Nicht also, sagte der Herr Professor. Tat denn nicht jüngst eine Henne das nämliche, da ich das Vergnügen hatte, bei Ihnen zu essen? Mein Vater liess den Herrn v. G., dem er ein- für allemal nicht gestattete sich des Sokrates anzunehmen, obgleich weder die Henne, noch der um und um geworfene Tisch der christlichen Religion Schaden oder Leides tun konnte, so unangehalten nicht mit dieser geschichte. Er zeigte sehr gelehrt, wie zwar ’′Ορνις eine Henne bedeute, allein im gegenwärtigen verstand schwerlich,
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und heisst denn αναστρεφειν τραπεζαν um und um
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kehren? Hier würde es um so weniger passen, da ich noch nie gesehen, dass eine Henne den Tisch umgekehrt. Die geschichte, fuhr mein Vater fort, ist aus dem Plutarch – allein der gute Herr v. G. nahm ihn bei der Hand, kehrte den Tisch nicht um und um, sondern wusste meinen Vater so vortrefflich einzulenken, dass er fortfuhr, und die Wahrheit zu sagen, Herr v. G. hätte ihn nicht unterbrechen sollen. Hatte er denn nicht schon gewonnen Spiel? Die Grille, sagte mein Vater, da er wieder an Stelle und Ort war, schwirrt ein Abend-, die Lerche ein Morgenlied. Leidet man nicht Kamine und Kachelofen im Sommer? Leibnitz starb bei Barklais Argenis; ein anderer stirbt bei der letzten Oelung. Solange man der Seele nicht gesunde Triebfedern und den Adern frisches Blut einflössen kann, was ist zu machen? Lot blieb auch in Sodom gerecht. Herr