zu lernen, was fünfzehn Professores wissen."
Wer sagt's, antwortete sie, du sollst nur erfahren, wo du weiter nachschlagen kannst.
"Das sagt mir aber jedes Register."
Das liest du in jedem Register, willst du sagen.
"Und liebe Mutter! unsere jungen Herren, die von Universitäten kommen? – –"
Alles recht, allein du sollst ein Vorbild werden der Heerde – du hast Talente, die müssen auf einer privilegirten Wage gewogen und das Gewicht durch ein beglaubtes Testimonium bezeichnet werden. Es wird in schönem Latein gegeben.
Die Talente brachten mich auf ein weites Feld, ich sagte zwar nichts, was nicht mein Vater schon öfters gesagt hatte; ich sagte aber, wovon ich überzeugt war. Man klagt überall über Unterdrückung der Talente, und dass so viele Lichte unterm Scheffel bleiben. – "Glaubt's nicht," pflegte der gute Mann zu sagen. "Wer ein recht Talent hat, brennt sich durch den Scheffel durch, dessen Flamme so weit nicht reicht, bleib' unterm Scheffel, oder bleib im land und nähre sich redlich." Muss denn, wer ein Talent hat, gleich ein Buch schreiben? Kann man nicht ein Talent haben und den Pflug führen? Ein Talent ist Hefen. – Er macht, dass sich der Teig hebt, wenn er herein gelegt wird.
Protagoras, der Taglöhner, legte und band sein Holz so künstlich, dass er dem Demokritus ins Auge fiel, der ihn die Wissenschaften so legen und binden lehrte, und so findet jeder Protagoras seinen Demokritus, obgleich noch die Frage bleibt, hat Demokritus dem Protagoras eine Last abgenommen oder aufgelegt?
Niemand als Minchen machte mich so beredt, und da endlich meine Mutter mir entgegensetzte, dass, wenn ich nicht auf Universitäten gewesen, ich nicht Pastor werden könnte, kam ich auf andere Gedanken, und das (wie zuvor) auch Minchens wegen. Ich sah, wie ein Erleuchteter, auf einmal alle Gründe meiner Mutter ein, und hatte keinen Zweifel mehr als den: Muss denn jeder in der Fremde als Gesell arbeiten und wandern, eh' er Pastor wird? Diesen Zweifel löste mein Vater.
Was er wider die Universitäten gesagt hatte, war vorm Brande geschehen. Jetzt war er zwar eben kein Apologist der hohen schulen, denn so sehr konnte' er nicht seinen grundsätzen untreu werden; allein er war der Meinung meiner Mutter, die ihn sehr bat, mir andere Gedanken einzuäugen, die aber schon wirklich, ohne dass es meine Mutter gemerkt hatte, bei mir in Blüte standen.
Kinder, sagte mein Vater, sollte man keinem Menschen anvertrauen, der nicht auch Kinder hat oder gehabt hat, so wie man keine Hebamme anzunehmen pflegt, die nicht weiss, wie es einer Gesegneten zu Mute sei. Wenn ich ja einem Arzt ein Ohr zuneigen sollte, ich sage mit Fleiss ein Ohr – obgleich ich Gottlob beide brauchen kann – müsste er selbst die Krankheit haben, die er curiren will. In diesem Fall wird mir ein Hufschmied und eine entzahnte Matrone eben so willkommen, als ein roter Mantel sein.
Seht da! warum ich dem alten Herrn, der Schuster, Schneider und Töpfer ist, alle diese Handwerke auf Herz und Seele der ihm anvertrauten Jugend anzuwenden gestatte. Sein Sohn Benjamin und seine Tochter Wilhelmine haben ihn examinirt und tüchtig befunden. Es sind gut gezogene Kinder.
Bei dem Worte Wilhelmine zog ich mein Schnupftuch aus der tasche, ohne sonst zu wissen warum, als des Namens Wilhelmine wegen.
Man muss alles von sich anfangen. Selbst wenn die Schulgelehrten die Existenz Gottes beweisen wollen – Schande ist's zu sagen, dass sie's wollen – fangen sie von sich an: ich bin, sagen sie, also ist auch Gott der Herr. Es sind gewisse Geheimnisse, welche die natur, obschon der Kunst viel verraten worden, doch für sich behält, und dahin gehört die Kinderzucht. Man wird in dieses geheimnis allein durch die Vaterschaft initiiret. Ich glaube' es steif und fest, dass jeder Vater, wär's gleich ein Bürstenbinder, und jede Mutter, wär's gleich eine Bürstenbinderin, ihre Kinder erziehen können, und es also nicht nötig haben, andern Unterricht für die kleinen Bürstenbinderchen in einem öffentlichen Laden zu kaufen. Wie sollte wohl die natur so ungerecht sein, das Grössere zu geben und das Kleinere zu versagen? Du weisst, Alexander, was dein Vetter, der grosse Summus Alexander (an diese Vetterschaft hatte er lange nicht gedacht) seinem Lehrer, dem Summus Aristoteles für ein Compliment machte, im rechten Sinne ein Compliment: er hätte ihm mehr als seinem Vater Philipp zu danken. Sobald Alexander bleiben wollte, was sein Vater war, hatte er Unrecht. Wollte er aber die Grenzen seines Reichs erweitern, und nicht Bürstenbinder bleiben, setzte meine Mutter hinzu, hatte er Recht. Da liegt der Grund von dem Leben der Erziehung. Der Vater, der aus seinem Sohne mehr machen will, als er selbst ist, muss freilich einen andern Weg einschlagen. Indessen sollte dieser andere Weg keinem Vater verstattet sein, der nicht Alexanders zu Kindern und Aristoteles zu Lehrern aufweisen könnte. In diesem Falle müsste, aller Beispiele vom Gegenteile ungeachtet, die Jugend, die Gnadenzeit, der Morgen nicht versäumt werden.
Der Staat braucht viel hände, aber wenig Köpfe. Ein politischer Kannengiesser ist ein schlechter Kannengiesser und ein schlechter Bürgermeister; die Kenntnisse des gemeinen Mannes müssen