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mein Tod mich nicht aus der Fassung bringen werde. Jetzt, in diesem stand der Sünden zu leben, wenn gleich Curland noch hie und da vermöge der herrschenden Freiheit mehr Aussicht zum Gnadenreiche hat, als ein ander Land, was ist's mehr als Wüstenei? Man stirbt jetzt des Erdenleidens wegen gern, wenn gleich Krankheit und Schmerzen uns den Tod verbittern. Im stand der Gnaden wird man gern sterben, weil bei einer einfachen Lebensart die Krankheiten sich von selbst heben werden. Leicht ist der Tod immer. Alles ist leicht, nur das Leben nicht. Ein wahres Wort im stand der Sünde. – Nur im grab hat der Mensch alles unter seine Füsse getan. Die sechs Seiten des Cubus sind nicht der ganze Inhalt unseres Seins.

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Ob auf einem Berge mehr Kornähren oder Bäume stehen können, als auf dem ebenen grund? war eine Frage, die jetzt so klar beantwortet ist, als: wie viel macht zweimal zwei.

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Ich bin vielleicht sehr oft ein Ich gewesen. Man hat drei Reiche, das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, die könnte man, dünkt mich, Reich der Allmacht, Reich der Gnaden, Reich der Herrlichkeit nennen, besonders wenn man den Menschen als das letzte Tier in Erwägung zieht. Durch diese drei Reiche bin ich vielleicht schon durchgewandert. So wie ich leblos als Erde war, so hatte ich Saft als Pflanze, bis ich als Tier Blut bekam. Jetzt bin ich Mensch, bin Tier und Engel! – Die Seele ist Mittler zwischen Geist und Körper. Mein Geist denkt vernünftig, zusammenhängend allgemeine Wahrheiten; indessen ist mein Geist ein ausgelernter Geist. Kinder zeigen so wenig von allen diesen Menscheneigenschaften, dass einem jeden klugen Mann bange wird, wenn er sein Kind sieht. Kluger Mann, sag' ich, das heisst ein solcher, der die wenigste Affenliebe hat. Wer hat sie aber nicht? Gemeinhin der verzweifelt der Kluge auch im verhältnis von sich auf den Kleinen: ob je aus dem Kindlein was werden würde, und eben darum geraten so selten die Kinder der Gelehrten. In der ersten Jugend wissen sie so viel, dass man gewiss glaubt, sie würden eher Magister werden als Leibnitz; allein sie bleiben bald stockstill stehen. – – Der Herr Vater gibt sie auf.

Vielleicht werde' ich noch ein paarmal verwandelt, ehe ich das Bewusstsein meines ganzen G e w e s e n s erhalte und die Kette übersehe, welche ich hinaufging. Mein Körper steht auf. Nichts wird ganz vernichtet. Alles, das geringste Stäubchen nicht ausgeschlossen, ist zu etwas gut! – Die Vernunft ist ewig! ewig! Sie ist der Sitz des göttlichen Ebenbildes; und hiess Bild sollte Gott der Herr vernichten?

Hiermit will ich diesen Aufsatz schliessen, den man wohl schwerlich von einem Curischen von Adel erwarten sollte.

Dass Herr v. G. in seinem Aufsatze mancherlei von einem rechtgläubigen Vater angebracht, ist nicht zu läugnen; allein mein Vater nahm sich dieser wirklich Dieser Aufsatz konnte also bei solchen GesinnunHerr v. G. hatte ihm einstmals in einer grossen GeHerr v. G. konnte nicht aufhören, sich über die UnHerr v. G. war, wie mein Leser sich's leicht vorstelt i k e r . Ich bin ein Christ, sagte mein Vater, mache mir eine Ehre draus, und alle Rechtschaffenen erkennen mich dafür.

Hier konnte man wohl mit Recht

a l s o b ? und

ja wohl!

fragen und antworten.

Wenn ich noch mit einem Bausch- und Bogenge

spräch über den Sokrates dienen kann, welches über die zehnjährige Entfernung ebenfalls Licht zu verbreiten im stand sein dürfte, will ich's gerne.

Gehalten am Bausch- und Bogen

tage kurz vor der Tafel an dem schönen Tage, da wir, mein Vater und ich, nachzum Herrn v. G. kamen, und zwischen beiden streitführenden Mächten ein Vergleich gesäet und begossen ward, wozu auch Gott das Gedeihen gab.

Wo wissen Sie denn, dass ein Sokrates in der Welt

gewesen? fragte mein Vater; und zwar ein Sokrates eben so und nicht anders?

Aus seinen Früchten, antwortete Herr v. G., sollt

ihr ihn erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen und Feigen von den Disteln? – Plato

Suchte Ideale.

Und fand den wirklichen Sokrates! – Den Apostel

der Heiden.

Das war Paulus.

Nach Christi Geburt. Das Orakel versichert, Sokrates sei der weiseste unter allen Menschenkindern gewesen.

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Σωκρατης ανδρων σοφωτατος, weil er nichts

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wusste.

Ist das verständlich?

Ich verstehe kein Griechisch.

Und ich dieses Orakel nicht. Zwar weiss ich den Unterschied zwischen Weisheit und Wissenheit – – –

Wer aus diesem zeugnis folgert, ergo ist der der Allerdümmste, welcher viel oder alles weiss, Pastor! der verdient zur Strafe ewig mit einem umgewandten Kleide zu gehen.

Ich lasse kein Kleid kehren.

Ich auch nicht.

Sokrates

Was sagte der Physiognomist von ihm?

Was Sokrates selbst sagte. Hüte dich vor dem, den Gott, gezeichnet hat, ist eine apokryphische Regel. Ist denn, Pastor! ein Sünder, der Busse tut, ist er nicht besser, als neunundneunzig Gerechte, die der Busse nicht bedürfen?

Wahr! ein Prophet muss aber nicht hässlich, nicht schön sein; so wie wasser und Brod muss er in seinem Aeussern nach nichts schmecken. – ‘ τοινυν

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